Mittwoch, 20. Mai 2015

Wie macht das der Hitchcock?

Truffaut trifft Hitchcock (Foto: Festival de Cannes)
Über das berühmteste Filmbuch der Welt gibt es jetzt einen Film: Kent Jones hat ihn in Cannes vorgestellt.
1962 haben sich François Truffaut und Alfred Hitchcock, kurz, nachdem "Hitch" seinen Film "Die Vögel" abgedreht hatte, zu einem mehrtätigen Marathon-Interview in Hollywood getroffen. Der französische Regisseur und Mitbegründer der Nouvelle Vague war, wie viele seiner Kollegen, ein großer Verehrer von Hitchcocks "Suspense"-Kino, das zu entschlüsseln er mit diesem Interview hoffte. Herausgekommen ist eine der fundamentalsten und zugleich detailreichsten Lehrstunden über das Filmemachen: Das Buch "Truffaut: Hitchcock", das vor 50 Jahren zeitgleich in den USA und in Frankreich erschienen war, gehört heute zur Standardlektüre jedes Filmstudenten und bildete wegen seiner Interviewform die Grundlage für weitere ähnliche Werke.
"Für Truffaut selbst hatte dieses Buch denselben Stellenwert wie einer seiner Filme", sagt Kent Jones. Der US-amerikanische Filmemacher hat nun unter dem Titel "Hitchcock - Truffaut" eine Doku über die Entstehung des Interviewbuches gemacht. Als Basis standen ihm dabei die Original-Tondokumente des Interviews zur Verfügung. Weshalb man in Jones' Film nun auch Ausschnitte aus dem Gespräch zwischen Truffaut und Hitchcock - stets gedolmetscht via Simultanübersetzung - zu hören bekommt. Sie geben dem geschriebenen Buch noch eine weitere Dimension von Lebendigkeit.
"Diese Doku sollte nicht bloß für Cinephile gemacht werden", sagt Regisseur Jones, der den Film gemeinsam mit Serge Toubiana, dem einstigen Chefredakteur der "Cahiers du cinéma" (Truffaut begann dort als Filmkritiker) und der Cinématheque française, realisiert hat. "Ich will dem Zuschauer vorführen, welche Kraft Kino in all seinen Spielformen haben kann". Dabei sei Jones auch wichtig, herauszuarbeiten, dass "Hitchcock stets eine sehr klare und simple Sprache sprach, die man verstand. Er erklärt einem Kino so, als wäre es das Einfachste von der Welt". 

Kent Jones (Foto: Matthias Greuling)

In zahlreichen Filmausschnitten - von "Die Vögel" über "Psycho" bis hin zu "Rear Window" oder "Vertigo" - illustriert Jones die Karriere Hitchcocks und lässt Truffaut und den Meister selbst zahlreiche Einstellungen analysieren. Hinzu kommen etliche zeitgenössische Regisseure, die Jones zu Hitchcock befragt hat: David Fincher, Martin Scorsese, Richard Linklater oder auch Wes Anderson versuchen eine Neu-Einordnung von Hitchcocks Werk vor dem Hintergrund moderner narrativer Strukturen.
In Cannes erhielt "Hitchcock -  Truffaut" viel Applaus. "Es war uns ein ganz besonderes Anliegen, diesen Film in  der Reihe 'Classics' zu zeigen", sagt Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals. "Zumal Truffaut und Hitchcock zwei wesentliche Figuren für diese Filmschau waren".
Für Kent Jones ist das Buch "eines der wichtigsten Einflüsse, die es auf mich als Filmemacher gab. Inhaltlich ist es von solcher Klarheit, dass ich es Hitchcock verdanke, mir einen Weg gezeigt zu haben, Filme zu machen."



Matthias Greuling, Cannes

Dienstag, 19. Mai 2015

Benicio del Toro will auch mal Egoist sein

Für viele ist Benicio del Toro der Inbegriff des Latino-Schauspielers, der es in Hollywood zu Weltruhm gebracht hat. Damit geht auch das Stereotyp des verruchten Lovers einher. Doch anders als etwa der Spanier Antonio Banderas hat sich del Toro nie als Sexsymbol definiert. Sex-Symbol, was ist das?, lacht der sympathische 48-Jährige, der seinen Durchbruch 2001 mit Steven Soderberghs Thriller Traffic hatte, für den er auch einen Nebenrollen-Oscar bekam. Ich habe nie wirklich kapiert, was die Leute unter einem Sex-Sybol verstehen, sagt del Toro. Für den aus Puerto Rico stammenden Schauspieler sind es mehr die Charaktere und weniger das schimmernde Drumherum, was er an seinem Beruf liebt. Mich interessieren Figuren, die Ecken und Kanten haben, sagt er. Ich will dreidimensionale Figuren, die ich verstehen kann, denen ich glauben kann, selbst wenn sie von einem anderen Planeten stammen.
Benicio del Toro (Foto:Katharina Sartena)

In Cannes ist Benicio del Toro in diesem Jahr gleich in zwei Filmen zu sehen. In der spanischen Produktion A Perfect Day von Fernando León de Aranoa, die hier außerhalb des Hauptbewerbs lief, spielt er das Mitglied einer Truppe von Hilfskräften, die in einem Kriegs-Krisengebiet im Einsatz ist. In dem Wettbewerbsbeitrag Sicario hetzt ihn Regisseur Denis Villeneuve in eine Geschichte um mexikanische Auftragskiller.

Als Lateinamerikaner hast du es in Hollywood nicht leicht, weiß del Toro aus Erfahrung. Aber es ist viel passiert in den letzten Jahren, die Situation hat sich deutlich verbessert. Dennoch gab und gibt es Rückschläge, auch in der persönlichen Karriere des charismatischen Darstellers: Wenn es mal nicht so gut läuft, muss man das auch irgendwie durchstehen. Benicio del Toro hat dafür zwei Pläne parat: Der eine lautet: So viel Selbstvertrauen wie möglich aufbringen. Der andere lautet: Sein Ego durchaus auch mal raushängen lassen. Denn Selbstvertrauen bekommt man nur, wenn man auch egoistisch sein kann. Man darf sich ruhig dann und wann auf sein Ego verlassen und es auch einsetzen

Matthias Greuling, Cannes

Sonntag, 17. Mai 2015

Woody Allen und die lästigen Schauspieler

Woody Allen mit Emma Stone (l.) und Parker Posey. (Foto: Katharina Sartena)
"Ich weiß eigentlich nicht, worüber ich mit Schauspielern sprechen sollte", sagt Woody Allen. Der 79-jährige New Yorker Regisseur hat seinen neuen Film "The Irrational Man" nach Cannes mitgebracht, der hier außer Konkurrenz gezeigt wird. Wie immer, denn Allen mag sich und seine Arbeit keinem Wettbewerb ausgesetzt sehen. Weshalb er sich auch seine mittlerweile drei Oscars nie persönlich abgeholt hat, sondern bei der Gala stets durch Abwesenheit glänzte.
Nach Cannes ist er aber persönlich mit Ehefrau Soon-Yi angereist. Er gibt Interviews im noblen Hotel Martinez an der Croisette, das Interviewzimmer ist beinahe auf arktische Temperaturen herabgekühlt. Gerade noch saß Parker Posey im Interviewraum vor den Journalisten und lässt sich bei der letzten Frage zu ihrer Mitwirkung in "The Irrational Man" viel Zeit. Woody Allen steht schon in der Tür und deutet ihr "Raus hier".
Allen ist eloquent in Interviews, aber auch er will diesen Cannes-Marathon möglichst schnell hinter sich bringen, wie alle hier. Parker Posey nimmt den harschen Auftritt ihres Regisseurs gelassen, denn sie weiß: Allen hat eigentlich kein allzu großes Interesse an Schauspielern. Was er auch im Interview mit der Wiener Zeitung deutlich macht. 
"Schauspieler brauchen immer eine Ansprache, wollen einen kennen lernen, mit einem reden, aber ich denke mir: Wozu?," fragt Allen. "Ich habe meine Schauspieler bereits genau studiert, kenne vorab all ihre Fähigkeiten und weiß, was sie können. Sie müssen bei mir nicht zum Casting kommen und Texte vortragen. Das ist doch albern. Der Schauspieler wird nervös, weil er Angst hat, zu versagen, und ich werde nervös, weil der Schauspieler nervös wird". Also belässt es Woody Allen bei der Besetzung seiner Filme meist bei einem kurzen Treffen, das selten länger als eine Stunde dauert, erzählt er. "Ich habe keine Freunde, die Schauspieler sind. Was sollte ich mit ihnen denn reden?"
Selbst seine "Musen" Scarlett Johansson oder Emma Stone, die auch im neuen Film dabei ist, zählen nicht zu Allens Freundeskreis. "Ich weiß, dass Emma Stone eine fantastische Schauspielerin ist. Sie macht vor der Kamera immer alles richtig, wieso sollte ich ihr dann Anweisungen geben? Ich verzichte meistens komplett darauf", sagt Allen. "Und privat sehe ich wirklich keinen Grund, Emma zum Essen auszuführen".
In "The Irrational Man" erzählt Allen von einem Literaturprofessor, gespielt von Joaquin Phoenix, der zwischen Alkohol und Depression am Leben zu zerbrechen droht, bis er die Idee hat, all dem Gerede seiner Lieblingsphilosophen endlich Sinn zu verleihen: Er will den tyrannischen Ehemann einer Frau ermorden, deren Wehklagen er nur zufällig mitgehört hat. Würde dieser Mensch nicht mehr leben, wäre die Welt ein Stückchen besser, ist der Professor überzeugt.
Eine gewagte These, der Allen aber einiges abgewinnen kann. Ist ein Mord in manchen Fällen gar zu rechtfertigen, fragen wir ihn. "Natürlich", sagt Allen entschlossen. "Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie wüssten, dass ein Mann in einer Schule eine Bombe legt, die 500 Kinder töten könnte, und Sie ihn aber im Vorfeld erwischten und ermordeten, würden Sie das dann nicht tun? Man könnte so 500 Leben retten", sagt Allen.
Gedankenexperimente wie dieses hat Allen in seinem Film durchdekliniert. In Joaquin Phoenix hat er jedenfalls den idealen abgewrackten, versoffenen Uniprof gefunden, der sich gegen Affären mit Studentinnen wehrt, dann aber doch mit seiner Lieblingsstudentin (Emma Stone) im Bett landet. Und auch mit Parker Posey. Die neuen Lebensgeister, die der Mord in ihm weckt, ändern sein Leben von Grund auf.
"Joaquin war perfekt, weil er auch auf mich selbst so kompliziert und umständlich und völlig fertig wirkte, wie seine Figur zu sein hatte", sagt Allen. "Er musste gar nicht wirklich spielen, finde ich". Womit wir wieder bei den lästigen Schauspielern wären. "Ich gebe ihnen kaum Anweisungen. Ich vertraue darauf, dass sie mir geben, was sie können. Und meistens ist für mich was dabei", lacht er, der im kommenden Dezember 80 Jahre alt wird. "Ich werde Filme machen, solange ich gesund bin. Mein Körper verfällt zusehends, ich habe ein Hörgerät und sehe schlecht", sagt Allen. "Aber Ideen habe ich noch mehr als genug".

Matthias Greuling, Cannes

Freitag, 15. Mai 2015

Yorgos Lanthimos, auf den Hund gekommen

Als völlig absurd könnte man Yorgos Lanthimos‘ neue Arbeit „The Lobster“ (dt. „Der Hummer“) bezeichnen, der in Cannes im Wettbewerb um die Goldene Palme antritt. Dabei ist das englischsprachige Filmdebüt des Griechen auch tief- und feinsinnig im Umgang mit seinem Thema: in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft ist das Single-Dasein verboten, und alle Menschen, deren Beziehung gerade gescheitert ist, werden angehalten, in ein speziell dafür vorgesehenes Hotel einzuchecken, wo sie innerhalb von 45 Tagen einen neuen, passenden Partner finden müssen. Gelingt das nicht, so werden sie unumkehrbar in Tiere verwandelt und in die Wildnis entlassen. Immerhin: Welches Tier sie werden, dürfen sie sich selbst aussuchen. „Die meisten nehmen Hunde“, sagt die Hotelchefin einmal. „Deshalb ist die ganze Welt voller Hunde“.

Rachel Weisz und Colin Farrell (Foto: Katharina Sartena)


Inmitten dieser skurrilen Geschichte findet sich unvermutet David (Colin Farrell) wieder, der als Mittvierziger nach einer Trennung nun kurz vor der Umwandlung zum Hummer steht. „Ein Hummer deshalb, weil die 100 Jahre alt werden“, rechtfertigt er seine Wahl. Ins Hotel kommt er mit seinem Hund, der einmal sein Bruder war. Der wird später eines brutalen Todes sterben.
Bei gemeinsamen Ausflügen mit den anderen Singles werden geflüchtete Singles gejagt: Mit Betäubungsgewehren. Jeder erlegte Single bringt einen zusätzlichen Tag im Hotel, also eine zusätzliche Chance, einen Partner zu finden. Irgendwann wird auch David die Zeit zu knapp, und er reißt aus. Jetzt ist er ein Flüchtling und trifft unterwegs auf andere Singles (darunter Léa Seydoux und Rachel Weisz). Doch auch in Freiheit, so lernt David schnell, gibt es mehr Regeln als ihm lieb sind.
Colin Farrell (Foto: Katharina Sartena)
Yorgos Lanthimos skurrile Partnerschafts-Suche ist spitzfindig ausgedachtes Metaphern-Kino zwischen Jux und Ernsthaftigkeit; „Wir haben diesen Film einfach beim Reden entwickelt“, sagt der Regisseur. „Wir sprachen über Beziehungen, Paare und Singles, fanden kleine Szenen, und so entstand Stück für Stück der Film“, so Lanthimos. „Wir zeigen in dem Film das menschliche Bedürfnis, in Beziehungen leben zu wollen, und welchen sozialen Stress es mitbringen kann, dieses Bedürfnis zu stillen. Es ist ein Film über die Liebe und ob sie wirklich echt sein kann“.
Dass Lanthimos in der Ausgestaltung seiner Szenen „maßlos übertrieben“ hat, weiß er selbst. „Das ist Absicht, obwohl ich eigentlich kein großer Anhänger von absurden Situationen im Kino bin. Ich wollte aber zeigen, wieviel Absurdität in der von uns gelebten Form der Liebe steckt.“
Szene aus "The Lobster" (Foto: Festival de Cannes)

„The Lobster“ trägt eine gewisse Form von Understatement vor sich her, weshalb skurrile Situationen noch zusätzlich überhöht wirken. Ein bisschen rätselhaft will Lanthimos auch sein, und ein bisschen larmoyant. Denn so richtig glücklich ist in „The Lobster“ niemand – auch die nicht, die sich in Partnerschaften befinden. Manchmal, da ist sich David sicher, ist der Hund doch der beste Freund des Menschen. Auch wenn er mal der eigene Bruder war. 

Matthias Greuling, Cannes

"Son of Saul" ist ein früher Cannes-Favorit

In Cannes hat ein Film schon am zweiten Festivaltag all das vergessen lassen, was man hier gemeinhin unter dem Begriff des Festival-Trubels subsumiert: All die Partys, die Empfänge, die Galas und die roten Teppiche - darauf hat keine Lust mehr, wer "Saul Fia" des ungarischen Regisseurs László Nemes gesehen hat.
"Saul Fia" von László Nemes (Foto: Festival de Cannes)
Nemes war lange Zeit Assistent seines Landsmanns Bela Tarr, und das merkt man auch: Seine Arbeit ist in mehrerlei Hinsicht äußerst bemerkenswert - sowohl formal als auch inhaltlich. "Saul Fia" ("Der Sohn des Saul") dreht sich um den KZ-Häftling Saul Ausländer (Geza Röhrig), einen ungarischen Juden, der in einem "Sonderkommando" im KZ die Arbeit verrichtet, für die sich die Deutschen zu vornehm sind: Man räumt die Taschen der gerade angekommenen Juden leer, nachdem sich die Tore zur Gaskammer schließen, und hinterher schrubbt man den Raum frei von all dem Erbrochenen, beseitigt diese Spuren des Todeskampfs und schleift die Leichen aus dem Raum.
László Nemes (Foto: Katharina Sartena)
Das völlig Entmenschlichte abzubilden, das war für viele bisher ein Tabu, und noch niemand hat es so drastisch getan wie dieser László Nemes, ein Regie-Debütant, dem hierfür nichts weniger als die Goldene Palme gebührt, weil er selbst mit dem Abbild dieses Massenmordes hadert: Wir erleben die Geschichte von Saul stets in Close-ups, die ihn in langen Einstellungen von hinten, der Seite und seltener auch von vorne durch das Lager begleiten. In streng kadrierten 4:3-Bildern, gedreht (und - Rarität- vorgeführt!) auf 35mm, ergibt sich ein Bild des Grauens aus dem Spiel mit der Tiefenschärfe. Weil der Fokus stets auf Saul selbst liegt, nie aber auf dem Grauen, das er durch seine Augen sieht, bleibt vieles, was sich da unscharf im Hintergrund abspielt, zu einem gewissen Teil auch Projektionsfläche für den Zuschauer. Es gibt selten Filme, die ihre Stilistik so sehr mit dem Thema verzahnen und diese Paarung derart konsequent durchführen wie dieser.

Auch Nemes zeigt das Unzeigbare nicht; er belässt es in einer grauenerregenden Unschärfe. So hat man den Holocaust noch nie gesehen: voller Unruhe, Angst und Terror. Ein Film, der vieles der eigenen Fantasie überlässt und der in Ansätzen so grausam ist, wie es die Erinnerungen der Überlebenden gewesen sein müssen.
Matthias Greuling, Cannes

Donnerstag, 14. Mai 2015

Mad Max bringt das Spektakel nach Cannes

Tom Hardy und Regisseur George Miller (Foto: Katharina Sartena)
In der Filmgeschichte gibt es zahllose Belege dafür, dass der Schuster lieber bei seinen Leisten bleiben sollte: Sylvester Stallone zum Beispiel wird ewig der Rambo und Rocky bleiben – zwei Figuren, die ihn weltberühmt gemacht haben. Arnold Schwarzenegger wird im Sommer als Terminator zurück in die Kinos kommen – eine Rolle, die ihm seinerzeit auf den Leib geschneidert wurde, sozusagen. Und die ihn auch nie mehr loslassen wird.
Was soll’s, denkt sich der ergraute Star von einst: Seine Zeit in mittelklassigen Actionfilmchen verdingen, oder nochmal auf den Putz hauen? Zweiteres ist für die meisten altgedienten Stars das Rezept der Stunde. Und auch Regisseure (mit Ausnahme von George Lucas vielleicht) greifen gerne zu Altbewährtem, oder zumindest zu dem, was einst Glanz und Glorie verhieß, und jetzt ein wenig entstaubt werden muss.
Charlize Theron mit Sean Penn am Roten Teppich zu "Mad Max: Fury Road" (Foto: Katharina Sartena)
„Mad Max“ ist so ein Beispiel – wobei der Staub zu diesem Film regelrecht dazugehört. In der namibischen Wüste, die als Drehort diente, ist es nämlich sehr, sehr staubig. In Cannes hat diese Neuauflage der „Mad Max“-Serie nun Premiere gefeiert, dreißig Jahre nach dem dritten Teil. In diesem Fall ist es George Miller, der den Reboot seines größten Filmerfolges wagt. Miller hatte schon alle drei Teile inszeniert, in denen Mel Gibson den Mad Max spielte.
Immerhin: Gibson wurde durch Tom Hardy ersetzt, und das ist vielleicht das größte Verdienst dieser zweistündigen Daueraction. Noch einen Actionstar im Rentneralter hätte es nämlich nicht gebraucht. Als Imperator Furiosa ist Charlize Theron zu sehen. Das Ganze ist effekthascherisches Brimborium mit tollen Bildern und noch tolleren Spezialeffekten. Cannes braucht solche Filme genauso wie die hehre Filmkunst, denn sie bringen den nötigen Glamour an die Croisette.
Anstatt eines Remakes siedelt Miller die Handlung im postapokalyptischen Australien an, Jahre nachdem der neue Mad Max seine Familie verlor. „Ich wollte nicht etwas erzählen, was ich schon erzählt hatte. Der originale Mad Max soll den Zusehern so in Erinnerung bleiben, wie ich ihn damals inszeniert habe“, sagte der Regisseur in Cannes. „Stattdessen habe ich versucht, das Mad-Max-Universum zu erweitern“. Auch das der Versuch, die Klassiker von einst nicht zu kopieren.
Weil Miller ein Regisseur der alten Schule ist, hat er auf allzu viel Tricktechnik verzichtet. 80 Prozent der Special Effects sind sozusagen „handgemacht“ und stammen nicht aus dem Computer. Die Stunts sind echt, ebenso die Landschaft. Miller baute riesige, reale Sets in Namibia und drehte den gesamten Film chronologisch.
Beinahe hätte Miller den Film schon 2003 realisiert, „doch damals kamen uns Einfuhr-Bestimmungen in Namibia dazwischen“. Als dann der Irakkrieg begann, wurde der Dreh komplett verschoben, das Projekt stand auf der Kippe.
Der nun doch noch erfolgte Neustart von „Mad Max“ wird übrigens nicht folgenlos bleiben. Im Vorfeld des Cannes-Filmfestivals hatte man bereits gehört, dass Darsteller Tom Hardy bereits für drei weitere „Mad-Max“-Filme unterschrieben hat. Könnte gut sein, dass diese Rolle dann auch für immer an ihm klebt.

Matthias Greuling, Cannes

Cannes 2015: Es geht um Veränderung

In Cannes möchte man in diesem Jahr gerne aus Konventionen ausbrechen. Denn so ganz klischeefrei, tolerant, weltoffen und routiniert, wie man sich hier gerne gibt, ist die Filmschau nicht. Zu lange hat man in Cannes auf die großen, überwiegend männlichen Namen der Filmgeschichte gesetzt, und dabei übersehen, dass dies auch mit Protesten gegen diese einseitige Programmierung einhergehen kann. So wie vor zwei Jahren, als man im Programm weibliche Regisseure mit der Lupe suchen musste.
Catherine Deneuve mit Emmanuelle Bercot. (Foto: Katharina SartenaI
Und so hat Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals, den Altherrenclub ein wenig anderen Einflüssen geöffnet, auch, wenn man nur ein paar Spuren davon wirklich zu spüren kriegt.
Da ist zum Beispiel die Goldene Ehrenpalme für Agnès Varda, diese noch immer höchst agile alte Dame der Nouvelle Vague, deren Mitglied sie eigentlich nie war. Cannes zollt ihr erst Tribut, nachdem man Varda bereits bei anderen Filmschauen gewürdigt hat, darunter auch bei der Viennale und im Vorjahr in Locarno.
Dann gibt es in diesem Jahr gleich mehrere Filme in der offiziellen Auswahl, die von Frauen inszeniert wurden - leider ein Umstand, auf den man in Cannes gesondert hinweisen muss. Das einstige Model Maiwenn, hier schon vor einigen Jahren mit ihrem Regieerstling „Polisse“ im Wettbewerb, bringt ihre neue Arbeit „Mon roi“ mit, ebenso wie die Französin Valerie Donzelli, die „Marguerite & Julien“ im Wettbewerb zeigt. Nathalie Portman darf außerhalb des Wettbewerbs ihr Regiedebüt „A Tale of Love and Darkness“ zeigen. Und als Eröffnungsfilm erwählte Frémaux das Sozialdrama „La tête haute“ (dt. Erhobenen Hauptes), den Schauspielerin und Regisseurin Emmanuelle Bercot gedreht hat.
Normalerweise ist der prestigeträchtige Platz für den Eröffnungsfilm am ersten Abend des Festivals reserviert für bombastische Filmspektakel oder opulente Romanzen aus Hollywood, aber Frémaux ging diesmal bewusst einen anderen Weg. In „La tête haute“, der außer Konkurrenz gezeigt wird, begegnet eine Jugendrichterin dem als schwer erziehbar eingestuften Malony (Rod Paradot), der von seiner hysterischen, drogensüchtigen Mutter (Sara Forestier) vernachlässigt wird und sich darob zu einem Kind der Straße entwickelt. Früh schon stiehlt er Autos und unternimmt damit folgenreiche Spritztouren, landet in Jugendhaft und in Heimen, die helfen sollen, den gewalttätigen Burschen zu resozialisieren. Vieles an „La tête haute“ wirkt ein wenig konstruiert und klischeegetränkt, dafür agiert wiederum das Ensemble außergewöhnlich stark. Im Unterschied zu sozialer Tristesse, die solchen Filmen meist innewohnt, entwirft Bercot dann doch einen Funken lebensbejahende Hoffnung.
Wenn es dieses Jahr schon kein Blockbuster ist – die Stars gibt es am roten Teppich beim Eröffnungsfilm trotzdem: In „La tête haute“ spielt nämlich neben Forestier und Benoît Magimel auch Catherine Deneuve (als Jugendrichterin) mit. Wann immer diese große Diva des französischen Films irgendwo auftaucht, sind ihr die Titelseiten sicher.

Allein: Mit „La tête haute“ entfacht Cannes nicht unbedingt internationale Strahlkraft. Cannes, die 68., hat den Vorhang mit einem Stück Provinzkino geöffnet. Auch das ist ein Bruch mit der Konvention. 

Matthias Greuling, Cannes