Sonntag, 13. September 2015

Lorenzo Vigas: Der Goldene Löwe im Gespräch

Lorenzo Vigas hat mit seinem Langfilmdebüt "Desde allà" ("From Afar") am Samstag den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen - als erster venezolanischer Regisseur überhaupt. Sein Film erzählt die Geschichte des Mittfünfzigers Armando (Alfredo Castro), der sich auf den Straßen von Caracas junge Burschen kauft, sie aber nie anrührt, weil er emotional nicht in der Lage ist, Nähe zuzulassen. Ein kurzes Gespräch mit Vigas über seinen Film.

Lorenzo Vigas (Foto: Greuling)
Was sagt uns Ihre Hauptfigur über den Zustand Venezuelas? Gibt es da einen Zusammenhang?
Lorenzo Vigas: Ja, den gibt es. Ich wollte von einer Figur erzählen, die diametral entgegengesetzt zu der Gesellschaft funktioniert, in der sie lebt. Wir in Venezuela sind sehr physische Menschen, wir umarmen einander gerne, küssen und berühren uns. Wir machen sehr oft Liebe. Armando erlebt das alles von einer Distanz aus und erlaubt niemandem, ihn zu berühren. Mit diesem Kontrast wollte ich spielen. Elder, der junge Mann, den sich Armando kauft, repräsentiert hingegen die wilde, ungestüme Seite Venezuelas, und sein Verhalten ist auch so etwas wie die Konsequenz aus dem, was heute die Alltagsrealität Venezuelas ist in politischen und ökonomischen Aspekten. Viele junge Männer müssen sich ihr Leben auf den Straßen suchen, weil es keine Jobs gibt und Venezuela die größte Inflation der Welt hat.

Die Geschichte erzählt von Homosexualität, aber auch von einer Art väterlicher Zuneigung.
Das stimmt. Es ist aber kein Film über Homosexualität, sondern über emotionale Bedürfnisse. In Venezuela sind wir in einigen Weltanschauungen noch hinterher. Homosexualität ist in vielen südamerikanischen Ländern stigmatisiert und wird radikal abgelehnt, weshalb ich das als Thema im Film haben wollte. Es geht aber auch um das Verhältnis zwischen Vätern und ihren Kindern. Das ist in Südamerika speziell. Denn die meisten Kinder werden von der Mutter großgezogen. Der Vater ist als Erzeuger zwar da, aber er kümmert sich nicht um die Erziehung.

"Desde allà" ist farblich flau gehalten, auch isoliert er seine Figuren gerne vor unscharfen Hintergründen. Ihr visuelles Konzept dahinter?
Ich wollte den Figuren ein Stück weit ihre Geheimnisse lassen. Nicht alles, was passiert, muss man dem Zuschauer auch zeigen. Er kann sich selbst ein Bild ausmalen. Armando sollte wie ein Geist durch Caracas wandeln. Er ist zwar physisch anwesend, aber sein Innenleben ist in seiner Vergangenheit gefangen, in der er emotional verhaftet ist. Deshalb isolieren wir ihn optisch mit vielen Einstellungen, in denen Unschärfe eine Rolle spielt.
"Desde allà" (Foto: La Biennale di Venezia)
Wie ist die Situation der Filmschaffenden in Venezuela?
Alles andere als rosig. Wir haben zwar viele junge Filmemacher, die das Medium als ihre kreative Stimme nutzen, aber es gibt nur sehr begrenzte Budgets. "Desde allà" wurde vom venezolanischen Zentrum für Kinematografie gefördert, aber die Förderung, die man zugesprochen bekommt, verfällt durch die hohe Inflation so schnell, dass man zu wahnsinnig raschem Arbeiten gezwungen ist. Es macht die Arbeit immens kompliziert, wenn sich das Budget innerhalb weniger Wochen halbiert.

Haben Sie damit gerechnet, in Venedig zu gewinnen?
Nein, für mich ist das einfach unglaublich, noch dazu, weil es der allererste venezolanische Film war, der jemals hier im Wettbewerb gezeigt wurde. Ich genieße diesen Augenblick gerade sehr.

Interview: Matthias Greuling, Venedig

Samstag, 12. September 2015

Filmfestival Venedig: Wer gewinnt die Löwen?

Die Lage war selten so vieldeutig: Die 72. Filmfestspiele von Venedig, die am Samstag mit der Preisverleihung zu Ende gehen, haben keinen richtigen Favoriten hervorgebracht, aber auch keine wirkliche Enttäuschung. Insgesamt ein solider Wettbewerb, dem die Spitzen fehlten, und die Jury um Alfonso Cuaron muss daraus nun ein Destillat filtrieren, das der Würde der Preise gerecht wird.
"Rabin, the Last Day" von Amos Gitai (Foto: La Biennale di Venezia)
Am ehesten hätte der Russe Alexander Sokurov für seine schlaue, vielschichtige Museums-Doku über den Pariser Louvre zur Zeit der NS-Besetzung von Paris einen Goldenen Löwen verdient (er gewann hier bereits 2012 für seinen „Faust“). Sokurov verdichtet darin Historie aus einer völlig neuen Sicht: Für 90 Minuten wird die Geschichte ausnahmsweise einmal nicht von den Siegern geschrieben - und Sokurov findet dafür auch visuell eine beeindruckende Form.
Nicht weniger beeindruckend ist Laurie Andersons stimmiger, beinahe meditativer Filmessay „Heart of a Dog“, in dem die Witwe von Lou Reed anhand ihres Hundes die Befindlichkeit sowohl ihres Mannes als auch des traumatisierten Post-9/11-New Yorks auslotet. Es ist eine famos komponierte Bilderflut über ein langsames Absterben von Leben und Hoffnung.
Auch mit 9/11 zu tun hat Jerzy Skolimowskis „11 minut“, der in mehreren, jeweils elf Minuten langen Episoden von einer unheilvollen Zukunft berichtet; hier liegt eine kommende Katastrophe in der Luft, und der Film ist so rasant und modern gemacht, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass der Regisseur schon auf die 80 zugeht. 
Damit ist die Auswahl, die Jurypräsident Cuaron zur Verfügung steht, aber noch nicht erschöpft: Charlie Kaufman und Duke Johnson verfilmten mit dem beeindruckenden „Anomalisa“ eines von Kaufmans Stücken als Stop-Motion-Film, Italiens Regie-Legende Marco Bellocchio zeigte mit „Sangue del mio sangue“ eine wirre Altersarbeit (aber das italienische Kino gewinnt in Venedig traditionell zumindest einen Preis) und die Filme des Argentiniers Pablo Trapero („El Clan“), des Südafrikaners Oliver Hermanus („The Endless River“) und des Türken Emin Alper („Abluka“) erwiesen sich als äußerst spröde, minimalistisch inszenierte Geschichten. Ganz anders „The Danish Girl“ von Tom Hooper, gelacktes Hochglanzkino mit viel Emotion, in dem Eddie Redmayne preisverdächtig die erste transsexuelle Frau der Welt spielt. Doch dieses Kino passt mehr nach Hollywood als an den Lido.
Einer, mit dem man dieses Jahr auch rechnen muss, wiewohl sein Kino stilistisch nicht jedermanns Sache ist: Der israelische Regisseur Amos Gitai hat in „Rabin: The Last Day“ minutiös die Umstände rekonstruiert, die 1995 zur Ermordung des israelischen Premiers geführt hatten. Gitai greift darin die israelische Rechte frontal an und montiert aus Archivmaterial und nachgestellten, dokumentarischen Szenen einen tiefgehenden Blick in die dunkle Seele Israels, von der man bis Rabins Tod gar nicht wußte, dass sie existiert. Gitai fürchtet inzwischen um sein Leben. „Ich hoffe, dass es mir nicht so geht wie Rabin“, sagt Gitai. „Ich werde einfach besser aufpassen als er“.

Gewiss ist: Politisch motiviertes Draufgängertum hat Jurys bei Festivals schon oft beeindruckt.

Matthias Greuling, Venedig

Donnerstag, 10. September 2015

Helmut Berger, eine Ejakulation

Als Helmut Berger, 71 und Weltstar aus Bad Ischl, im Fünf-Sterne-Hotel in Saint Tropez eincheckt, und sich im hoteleigenen Bademantel und mitsamt seinen Initialen besticktem Necessaire auf der Couch niederlässt, da stehen vor ihm aufgebaut nicht nur zahllose Medikamente und Vitamine, sondern auch vier Fläschchen Bier und eine Flasche Vodka. Berger ist auf Urlaub hier, weil er der Enge seiner Heimat über die einsamen Weihnachtsfeiertage entfliehen wollte.
"Helmut Berger, Actor" (Foto: Andreas Horvath)
Mit ihm mitgekommen ist der Salzburger Dokumentarfilmer Andreas Horvath, 47, der Berger mit seiner Kamera für den Film „Helmut Berger, Actor“ begleitet und ein Bild von diesem geschundenen Körper und mindestens ebenso geschundenen Geist entwirft, das an Tragik und auch an Komik kaum zu überbieten ist. 
Berger im Luxushotel sieht bald genau so armselig aus wie Berger in seiner Salzburger Wohnung, nur dass das Ambiente von den Zimmermädchen in Saint Tropez ein wenig verschönert wird. „Aber bevor sie das Zimmer machen, räumen sie bitte mein Gepäck aus“, schnarrt Berger. „Und alles sichtbar hinlegen, damit ich nichts suchen muss“.
Helmut Berger ist der Star in einem Film über sich selbst; was hier abgemacht war und was nicht, weiß nur Andreas Horvath selbst, aber ein Stück weit wird bereits nach wenigen Filmminuten klar: Berger lebt nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche, überlässt nichts dem Zufall, aber alles seiner Improvisation - oder sollte man Laune sagen? Der Vorspann beginnt mit dem Titel „Helmut Berger in: ‚Helmut Berger, Actor‘“, und liefert damit schon den Hinweis, wie Horvath sein Filmporträt eines schrillen, gealterten Weltstars anlegt: Durchaus als Mischung aus Bühne und Erniedrigung, die der Regisseur bewusst in Kauf nimmt, um sich dem Objekt seiner filmischen Begierde (oftmals allzu intensiv) nähern zu können. Er muss ihn erst vorführen, um ihn zu entlarven.
Gleich zu Beginn wacht Berger in seiner Salzburger Messie-Wohnung auf, sein nackter Hintern füllt das Bild aus, und seine erste Handlung wird es sein, sich in den Fernsehsessel zu setzen, inmitten der heillos chaotischen Restbestände einer durchgesoffenen Nacht, und dort zu onanieren - das Ganze wirkt zunächst wie eine Farce, die Berger zu seiner eigenen Erniedrigung inszeniert, aber später wird klar, dass nicht alles gespielt ist, was man an diesem Filmporträt nicht fassen kann.
"Helmut Berger, Actor" (Foto: Andreas Horvath)
Zum eigentlichen Interview über die große Vergangenheit des als Helmut Steinberger geborenen Weltstars und Visconti-Schauspielers kommt es nicht: Horvath versucht immer wieder, Berger auf die gloriose Vergangenheit zu stoßen, doch der verfällt dann schnell in ein fantasierendes Koma vom Jet Set, der nur mehr noch in seiner Erinnerung existiert. So bleibt Horvath nur das Sammeln von Bildern, von Indizien, die den seelischen Zustand des Schauspielers widerspiegeln könnten. Bilder von Visconti, seiner großen Liebe, aber auch von ehemaligen Filmpartnern wie Romy Schneider zieren seine Wände, dazwischen bröckeliger Putz und vergammelte Ecken, Ritzen, Kanten. Keine Küche, stattdessen kahler Estrich, wie auch seine Putzfrau moniert. Berger haust in einem alkoholischen Dauerrausch aus Erinnerungsfetzen, schweren Depressionen und einem unbändigen Selbstbewusstsein, in dessen Phasen er wilde Reden schwingen kann und sogar handgreiflich gegen seinen „Freund“, den Filmemacher, wird. Dem platzt dann irgendwann der Kragen: „Don’t you hit me, you fucking asshole“ schallt es nach einer durchzechten Nacht in Saint Tropez. Berger will daraufhin die Dreharbeiten abbrechen.
Überhaupt ist die Beziehung des Schauspielers zu seinem Regisseur schwer belastet, denn Berger gesteht Horvath in einem intimen Moment seine Liebe. „So, jetzt weißt du es“, sagt Berger gespielt erleichtert. „Jetzt musst du damit fertigwerden“. 
So oft Berger das gemeinsam Filmprojekt im Laufe der sich dramatisch zuspitzenden Dreharbeiten abbricht, so reuig zeigt er sich in schlaflosen Nächten, in denen er seinem „Andreas“ die Mailbox mit mal wirren, mal sehr klaren Ansagen zuquatscht. Er hat Andreas Horvath längst als einen Teil seines Lebens akzeptiert, der genauso dazugehört wie Bier und Schnaps. Nur eines hat Berger Horvath bis zum Schluss nicht zugestanden: Dass dieser Bergers Welt auch nur im entferntesten verstanden hat: „Du hast keine Ahnung von dem Geschäft, du bourgeoiser Salzburger. Du hast keine Ahnung vom Jet Set“. 
Helmut Berger hat keine Vergangenheitsbewältigung geschafft in seinem turbulenten Achterbahnleben aus Höhepunkten und Verlusten. Ein armer, alter Mann voller (Sehn-)Süchte wird da vorgeführt, keiner, der süchtig ist nach Alkohol, sondern nach Liebe, nicht nach Drogen, sondern nach Leidenschaft und Anerkennung. Und bei all dem Theater ist niemals klar, wo seine Bühne anfängt, und wo sie aufhört.
Am Ende, als Berger seinen Regisseur bittet, ihm beim tatsächlichen Onanieren mit abschließender Ejakulation als Fantasie zu dienen, löst sich die Distanz zwischen dem Filmemacher und seinem Star kurz gänzlich auf. „Der von Burt Lancaster sah genau so aus“, lacht Helmut Berger über das gute Stück von Horvath, nur um sich Minuten später unter lautem Gejohle und Gegrunze Erleichterung zu verschaffen. 

Der Schauspieler Berger hat am Ende dieses trivialen, aber intensiven Porträts kurz sein Innerstes gezeigt und musste dafür nicht einmal ein Wort sagen. Ein Blick auf das Bildnis Viscontis an der Wand hat ihm genügt. 

Matthias Greuling, Venedig

Mittwoch, 9. September 2015

Schwammiges Arthaus-Kino im Einheitslook

Ein Filmfestival ist der perfekte Ort, um Trends aufzuspüren - oder besser: Um in die Einzelleistungen von Filmemachern einen Zusammenhang zu interpretieren, der nachweislich nicht vorhanden ist, sondern nur gedacht werden kann. Darüber hinaus aber gibt ein Filmfestival wie jenes von Venedig einen Überblick, wie Künstler den Umgang mit einem Medium pflegen, das sich so dramatisch und zugleich unauffällig wie kein anderes verändert hat. Der Film, der seinen Namen seit der Ankunft des Digitalkinos nicht mehr verdient, oder ihn nur mehr als symbolische Bezeichnung trägt, ist im Umbruch, und so viel steht fest: Das viel gepriesene digitale Kino hat bei weitem nicht die Vielfalt gebracht, die man ihm gerne zuschreibt. Es hat das Filmemachen vielleicht demokratisiert, aber es hat auch einen seltsamen Einheitslook geschaffen, unter dem immer häufiger auch das so genannte Arthauskino leidet. 
"Francofonia" (Foto: La Biennale di Venezia)
Visuelle Trends gab es im Kino schon immer, man denke an die deutschen Expressionisten, an die Nouvelle Vague, den Film Noir oder alte Technicolor-Musicals. Noch nie aber sind solche visuellen Stilmittel zufällig oder beiläufig entstanden, zumeist steckte ein mehr oder weniger raffiniertes inhaltliches Konzept dahinter. Und weil im optischen Medium Kino nichts wichtiger ist als der „Look“, kommt ihm eine besondere Bedeutung zu. Wie dem Licht in der Malerei.
Viele Filme im Programm von Venedig illustrieren das, was man den neuen Einheitslook des Arthauskinos nennen könnte. Und der ist keinesfalls inhaltlich motiviert. Viele Regisseure scheinen geradezu verliebt in die neuen, simplen Möglichkeiten digitaler Bildtechnik. Kameras mit Großformatsensoren laden systembedingt mit dem Spiel von kleiner Tiefenschärfe bei Offenblende ein, was Bilder mit unscharfem Hintergrund (Bokeh) zum mittlerweile überstrapazierten Stilmittel in Serien und auch im Kino macht. Man will „nah dran“ sein an den Protagonisten und verwechselt das immer wieder mit atmosphärischer Dichte. Der Mut zur Totale und einer in ihr stattfindenden komplexen Mise-en-scène ist vielen Regisseuren völlig abhanden gekommen (sie könnten etwa bei Godards „Le mepris“ lernen). Kombiniert mit kontrastreicher Lichtsetzung, mittellangen Brennweiten und stark reduzierter Farbsättigung führt dies zu einem beinahe schon uniformen Aussehen von Kunstfilmen: Der cleane, ultrareine Look der Bilder, völlig befreit von Filmkorn und stets mit ruhigem Bildstand: So stellt man sich das filmfreie Kino vor. Allein: Diese unzählig oft kopierte Modeerscheinung schwächt die Kraft der erzählten Geschichten gefährlich ab, und die Handschriften von Regisseuren (so vorhanden), verwässern zu einem stylish gefilmten Bildereintopf, wie man ihn regelmäßig auf Arte zu sehen bekommt. 
In Venedig sind etliche Filme im Programm diesbezüglich problematisch: Szenen aus den Wettbewerbsbeiträgen „The Endless River“ des Südafrikaners Oliver Hermanus, „Abluka“ des Türken Emin Alper, „L’attesa“ des Italieners Piero Messina, Drake Doremus’ Sci-Fi-Drama „Equals“ mit Kristen Stewart und eigentlich auch Tom Hoopers „The Danish Girl“ zeugen davon (letzterer immerhin mit Mut zum Spiel mit Tiefenwahrnehmung). US-Filme, die sich Anspruch verordnen, wie Thomas McCarthys Beitrag „Spotlight“, sehen grundsätzlich aus wie eine Folge von „House of Cards“. 
Aber es gibt sie noch, die Einzelgänger des Kinos, die nicht nur erzählerisch eigenwillig bleiben, sondern auch optisch: Der Russe Alexander Sokurov zum Beispiel hat mit „Francofonia“ die beeindruckendste Geschichtsstunde der jüngeren Zeit in ebenfalls cleane Bilder gegossen, aber sein Porträt des Pariser Louvre zur Zeit der NS-Besatzung folgt keiner Mode, sondern seine Bilder dienen der Darstellung von komplexen Zusammenhängen, sind nicht in der Tiefe vielschichtig, sondern in der Ebene des zweidimensional projizierten Filmbildes.

Vergessen scheinen die Zeiten, als das digitale Kino Mitte der 90er aufkam. Da war es wild, roh und ungestüm. Die „Dogma95“-Bewegung, filmhistorisch nicht mehr als ein genialer Marketing-Gag, zeugte damals davon, dass digitale Bilder auch schmutzig sein konnten. Für eine neue visuelle, vielleicht sogar schmutzige Revolution wäre es höchst an der Zeit. Und Sokurov sollte sie anführen.

Matthias Greuling, Venedig

Dienstag, 8. September 2015

Matthias Schoenaerts: Der neue Alain Delon

„Ach, kommen Sie, so etwas kann man doch nicht sagen“, erwidert Matthias Schoenaerts. Der belgische Schauspieler ist 37 Jahre alt und gilt als die heißeste Aktie, die es im europäischen Kino derzeit gibt. 
Matthias Schoenaerts - der neue Delon? (Foto: Katharina Sartena)
Der Vergleich mit Alain Delon, „dieser Ikone des französischen Films“ (Schoenaerts), ist zumindest unter einem Aspekt betrachtet nicht ganz so weit hergeholt: In „A Bigger Splash“ übernimmt Schoenaerts nämlich die Rolle des einstigen Weltstars: Das Remake von „La piscine“ aus dem Jahr 1969, das Romy Schneider und Alain Delon nach Jahren der Trennung zumindest vor der Kamera wieder vereinte, wurde hier in Venedig uraufgeführt (und ganz schlimm ausgebuht). Darin ist Schoenaerts in Delons einstiger Rolle des eifersüchtigen Liebhabers von Marianne (im Original: Schneider, im Remake: Tilda Swinton) zu sehen, der den Widersacher (neu: Ralph Fiennes, alt: Maurice Ronet) brutal im Swimmingpool ertränkt. 
Szene aus "A Bigger Splash" (Foto: La Biennale di Venezia)
„Man kann den alten und den neuen Film einfach nicht miteinander vergleichen“, findet Schoenaerts. „Das Kino von damals war ganz anders“, oder anders gesagt: „Das Kino ist nicht mehr das, was es einmal war“. 
Aus dem Munde von Matthias Schoenaerts klingt das alles gar nicht wie ein Vorwurf, sondern wie eine Feststellung. „Damals“, sagt er, „war das Kino nicht so eine Industrie wie heute. Damals hat man es noch nicht als Gelddruckmaschine betrachtet“.
Was so nicht stehen gelassen werden darf: „La piscine“ hatte sehr wohl einen sehr kommerziellen Hintergrund. Immerhin gab es hier ein wohl kalkuliertes Zusammentreffen zweier Superstars, die einst liiert waren. Am Set passte Schneiders Ehemann Harry Meyen eifersüchtig auf seine Romy auf. Die Presse schrieb sich die Finger wund. Die Erotik auf der Leinwand knisterte, als Delon Schneider das Bikini-Oberteil runterriss.
Im Remake ist die Stimmung deutlich unterkühlter: Swinton in der Schneider-Rolle, aber als verstummter Rockstar, agiert nicht sinnlich, sondern fahrig, Fiennes ist ein viel durchgeknallterer Ex-Lover als Ronet und Schoenaerts bekommt zu wenig Screentime, um sein ganzes Talent zu zeigen.
"Will ungestüm sein" (Foto: Katharina Sartena)

„Ich will Dinge ausprobieren, ungestüm sein und vorwärts kommen“, sagt Schoenaerts. Genau wie in „Der Geschmack von Rost und Knochen“, der ihn 2012 bekannt machte. „Ich habe noch viel vor“. Ein Satz, dem man dem jungen Mann glauben kann, denn kaum jemand im europäischen Kino hat derzeit seine physische Präsenz und seine unaufdringliche, aber zugleich insistierende Aura. Delon hat einst ganz ähnliche Charakterzüge meisterhaft simpel dargestellt. Und sich nicht selten in die Rolle des Bösen begeben. „Das ist etwas, was ich wirklich mit ihm gemeinsam habe. Dieses Verlangen, den Bösen zu spielen“, sagt Schoenaerts. „Wenn man ehrlich zu sich als Schauspieler ist, dann sind das die einzigen Rollen, die zählen“.

Matthias Greuling, Venedig

Montag, 7. September 2015

Dakota Johnson: Leiden will gelernt sein

Dakota Johnson sieht aus wie ihr Vater Don Johnson, eher nicht wie Mama Melanie Griffith, und vielleicht ist da ein kleiner Einschlag von Oma Tippi Hedren, dem heurigen Viennale-Stargast, zu erkennen. Aber die Don Johnson’sche Mimik dominiert doch sehr stark den Ausdruck der 25-jährigen Schauspielerin und das verschafft ihr den großen Vorteil, Leidensfähigkeit mit nur wenigen Gesichtszügen darstellen zu können. Zugegeben: Bei Vater Don erschöpfte sich diese Anforderung darin, verzweifelt zu schauen, wenn er in „Miami Vice“ einen kleinen Fleck auf seinem weißen Jackett entdeckte, der - im weißen Ferrari sitzend - natürlich die wohlfeile Einfarbigkeit empfindlich getrübt hätte.
Dakota Johnson hat den Leidensblick (Foto: Katharina Sartena)
Tochter Dakota ist da zu weit stärkerem Kinoleid berufen: Sie kann ihr leidendes G’schau perfekt für die Sadomaso-Softcore-Schmuse-Romanze „Fifty Shades of Grey“ nutzen, um ihren harten Lover zu zähmen. In Folge eins ist dies ja schon weitgehend geglückt, und vermutlich geht es bald unvermindert so weiter, wenn Teil zwei als „Fifty Shades Darker“ Anfang 2017 in die Kinos kommt.
Jetzt muss Dakota Johnson den schnellen Ruhm erst einmal verdauen, denn: Wie sie mit dem Rummel um ihre Person umgeht, weiß sie selbst noch nicht. „Aber ich lasse es Sie wissen, sobald ich es weiß“, sagt uns die Schauspielerin beim Interview am Lido von Venedig, wo sie in diesem Jahr gleich zwei Filme vorstellt: Mit Johnny Depp spielt sie in dem Gangsterdrama „Black Mass“, und in „A Bigger Splash“, dem Remake von „Der Swimmingpool“ (1969, mit Romy Schneider und Alain Delon) gibt sie die minderjährige Verlockung für Matthias Schoenaerts, der in Delons Rolle geschlüpft ist. „Sie ist eine totale Bitch, die mit den Emotionen anderer Menschen spielt“, sagt Johnson. „Außerdem entdeckt sie gerade ihre Sexualität. Ich finde, der Film ist weniger ein Remake von ‚Der Swimmingpool‘ als vielmehr eine Hommage an ‚Lolita‘“. Nackte Haut muss Dakota auch hier zeigen, sogar mehr als in „Fifty Shades of Grey“.
Klingt ganz danach, als hätte Hollywood einen neuen Erotikstar, eine Sparte von Schauspielerinnen mit alsbaldigem Ablaufdatum, die eigentlich spätestens nach „9 1/2 Wochen“ ausgestorben schien. „Es stimmt nicht, dass ich ausschließlich erotische Rollen angeboten bekomme“, gibt Johnson zu Protokoll. Nachsatz: „Aber es sind viele“. Gottlob will sie ihr „wunderbarer Agent“ davor bewahren, in einem Rollenmuster zu landen, sagt Johnson, die längst meterweise in einem ebensolchen feststeckt. Die Frage drängt sich auf, ob eine gewisse Grund-Naivität und Realitätsferne im Hollywood-Business nicht sogar von Vorteil sein könnte. Wir stellen sie aber dann doch nicht.
Immerhin: „Fifty Shades“ hat sie als Star auf die Landkarte gesetzt, vor Arbeit kann sie sich nicht retten. „Ich habe seit Anfang 2015 vier Filme gedreht, langsam wird es ein wenig viel“, gibt Dakota zu. Dabei ist sie Dreharbeiten schon von Kind an gewöhnt. „Meine Eltern hatten mich ständig ans Set mitgenommen, ich bin endlos viel gereist und kenne die Anforderungen“, so Johnson. Doch auf einmal selbst in der Auslage zu stehen, ist jedenfalls ungewohnt. „Ich glaube aber auch, dass es ungesund ist, wenn man sich zu sehr an den Ruhm gewöhnt. Es ist nicht gut, wenn es alltäglich wird, dass einen alle feiern“, ist sich Johnson sicher. Deshalb gibt sie sich im Interview auch betont schüchtern, trägt hochgeschlossenes Wollkostüm bei 25 Grad und wirkt dadurch noch zerbrechlicher als sie ohnehin schon aussieht. 

Und dann sagt sie noch: „Ich leide etwas darunter, dass man mir immer die gleichen Fragen stellt“, und meint damit Fragen nach ihrer Mutter, ihrem Vater, nach dem Einfluss der Familie und ob berühmte Eltern eine Last oder ein Vorteil sind. Sie setzt wieder ihren Mitleidsblick auf. Jetzt hat Dakota Johnson es geschafft: Für einen Moment lang tut sie uns sogar leid.

Matthias Greuling, Venedig 

Sonntag, 6. September 2015

Bérénice Bejo und die Schwierigkeiten Europas

Die ganze Welt kennt Bérénice Bejo als fröhlich tanzenden (Stumm-)Filmstar aus „The Artist“ (2011) ihres Ehemannes Michel Hazanavicius. Damals hatte Bejo eine Oscarnominierung erhalten, der Film wurde insgesamt fünf Mal ausgezeichnet. Jetzt ist Bejo mit ihrer ersten englischsprachigen Produktion fertig, die man „als direkte Folge meiner Oscarnominierung sehen kann“, wie sie im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“ beim Filmfestival von Venedig verrät. 
Bérénice Bejo (Foto: Katharina Sartena)
Es handelt sich um „The Childhood of a Leader“, das Regiedebüt von Jung-Schauspieler Brady Corbet, das in Venedig in der Nebenreihe „Orizzonti“ uraufgeführt wurde. In der auf Jean-Paul Sartres gleichlautenden, 1939 erschienenen Kurzgeschichte aufgebauten Verfilmung spielt Bejo die Mutter eines Jungen (Robert Pattinson), der während und nach dem Ersten Weltkrieg ein zerrüttetes Ego aufbaut, weil er mit dem Versailler Vertrag nicht einverstanden ist. Für Regisseur Corbet ist „The Childhood of a Leader“ aber keinesfalls ein Porträt des frühen Adolf Hitler. „Das heißt im Klartext: Robert Pattinson spielt nicht Hitler“, so Corbert.
"The Childhood of a Leader" (Foto: La Biennale di Venezia)

Für Bejo ist der Film „eine unglaublich reife Arbeit“, die so mancher Filmkritiker gar mit der Qualität Michael Hanekes verglichen hat. Vielleicht nicht zu Unrecht, hat Corbet doch in Hanekes US-Remake von „Funny Games“ (2008) eine der Hauptrollen gespielt und so die Gelegenheit entstand, sich den Stil des österreichischen Meisters ein wenig abzuschauen.
„Der Film zeigt aber auch, dass ich langsam alt werde“, lacht Bejo. „Schließlich bietet man mir jetzt schon Mutterrollen an, scherzt die 39-jährige Französin mit argentinischen Wurzeln. 
Brady Corbet und Bérénice Bejo (Foto: Katharina Sartena)
Im Alter von drei Jahren übersiedelten ihre Eltern (ihr Vater ist der argentinische Regisseur Miguel Bejo) nach Paris, wo Bejo auch heimisch geworden ist. „Wir kamen damals aus einer Diktatur in eine friedliche Demokratie“, erzählt Bejo, auch vor dem Hintergrund, dass „The Childhood of a Leader“ vom Entstehen von Radikalismen handelt. „Heute ist unsere Demokratie wieder in Gefahr. Nach den Anschlägen auf die Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘ im Januar 2015 war es ausgerechnet Marine Le Pen, die erstmals aussprach, dass es ein Problem gibt. Wieso waren Leute wie Hollande oder auch Sarkozy dazu nicht in der Lage? Man überlässt den Rechtspolitikern die Bühne und spielt ihnen so nur in die Hände“, findet Bejo. 
„Und auch, wenn man sich umsieht, in welchem Zustand Europa jetzt ist: Da ziehen Tausende Flüchtlinge über die Autobahnen, und daneben fahren die Autos vorbei, als würde sie das alles nichts angehen. Ich finde das unerträglich“. Sie selbst sei als Teil einer Einwandererfamilie groß geworden und könne die Ignoranz der europäischen Politik nicht nachvollziehen. Sie sagt das energisch, mit Nachdruck.
Bérénice Bejo (Foto: Katharina Sartena)

Aber wie viel südamerikanisches Temperament steckt da heute noch in Bérénice Bejo, und wie sehr fühlt sie sich eigentlich als Französin? „Ich weiß nicht genau. Ich sehe Paris als meine Heimat. Ich denke, wir Argentinier haben eine große Leidenschaft für Fleisch, Barbecue und Wein. Aber das haben die Franzosen auch. Vielleicht haben Südamerikaner mehr Lebenslust, oder sie zeigen sie nur einfach offener. Französische Frauen scheinen jedenfalls meistens etwas mysteriös zu sein“, lacht Bejo. „Vielleicht sollte ich auch mysteriöser sein? Aber am Ende ist es wohl keine Frage der Herkunft, sondern des Charakters, wie jemand ist und wo er sich zugehörig fühlt“. Etwas, was Bejo den europäischen Politikern vermutlich gern ins Stammbuch schreiben würde. 

Matthias Greuling, Venedig

Samstag, 5. September 2015

"The Danish Girl": Die Entblätterung einer männlichen Seele

Als der Spezialist zu Gerda Wegener sagt, ihr Mann sei krank und pervers, aber vielleicht heilbar, verliert sie kurz die Fassung. Doch Einar Wegener, der dänische Landschaftsmaler, hat da längst mit sich abgemacht, welchen Weg er einschlagen wird. Er, der 1882 als Mann geboren wurde, will in Hinkunft als Frau leben und wird sich auf dem Weg dorthin mehreren, nicht immer ungefährlichen Eingriffen unterziehen, die ihm letztlich zum Verhängnis werden. 
Eddie Redmayne, Alicia Vikander, Tom Hooper (Foto: Katharina Sartena)
Lili Elbe heißt Einars neues Ich, in dem er voll und ganz aufgeht. Im Kopenhagen der 1920er Jahre ist zwar ein bisschen Toleranz und Freigeist spürbar, aber akzeptabel ist eine Transsexuelle damals ganz und gar nicht - so weit gehen die modernen Zeiten nicht. Das weiß auch Lili, weshalb sie ihr neues Ich zunächst auch versteckt ausleben muss. Sehr zum Leidwesen ihrer Frau Gerda, durch die sie das Begehren, eine Frau sein zu wollen, überhaupt erst entdeckt hat: Gerde, erst später durch ihre erotischen Gemälde bekannt geworden, hat ihren Mann gebeten, Modell zu sitzen für das Porträt einer Ballerina. Dazu musste er in Strümpfe und Schuhe schlüpfen, durfte sich das Kleid anhalten. Das hat Einar derart bewegt, dass er von diesem Moment an wusste, dass es seine Bestimmung ist, als Frau zu leben.
Eddie Redmayne als Lili (Foto: Universal)
Auf der Leinwand von „The Danish Girl“, den Tom Hooper („The King’s Speech“) inszeniert hat und der im Wettbewerb um den Goldenen Löwen in Venedig am Samstag Abend seine Premiere feierte, glänzt, ja glüht der junge Eddie Redmayne als der selbstbewusste Einar und die verschreckte Lili gleichermaßen. Redmayne hatte im heurigen Frühjahr erst den Oscar als bester Hauptdarsteller in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ erhalten, in dem er den Wissenschaftler Stephen Hawking spielt. Jetzt erweitert der überaus talentierte Mann mit den hohen Wangenknochen sein Repertoire um eine Frauenfigur, deren Fragilität und Anmut im Kino ihresgleichen sucht. Redmaynes Verwandlung in eine Frau, besonders aber der zaghafte Prozess bis zu dieser Verwandlung gelingen ihm derart überzeugend, dass die Jurys der diversen Filmpreise der kommenden Monate wohl kaum an ihm vorbeikommen werden.
Eddie Redmayne (Foto: Katharina Sartena)
Ebenso wenig wie an der Schwedin Alicia Vikander, zuletzt in „Codename U.N.C.L.E.“ im Kino zu sehen: Sie überzeugt in der Rolle der erfolglosen Malerin Gerda Wegener, die ihren berühmten Gatten erst dann künstlerisch überholt, als sie ihn als Lili porträtiert. Ein Künstlerpaar, das zunächst in Liebe geeint ist, künstlerisch voneinander profitiert und schließlich auf eine schwere Probe gestellt wird. 
Alicia Vikander (Foto: Katharina Sartena)

Regisseur Hooper inszeniert das gefühlvolle Drama in desaturierten Bildern voller visueller Tiefe und entwirft so eine Vielschichtigkeit, die die komplexe Persönlichkeit seiner Hauptfigur reflektiert. Es ist wie eine Rose, die man sanft entblättert bis zu ihrem Stiel.
Alicia Vikander (Foto: Katharina Sartena)
„Von Beginn an wollte ich, dass Eddie nicht lernt, wie man eine Frau spielt, sondern, dass er in sich geht, um die Frau in sich zu finden“, sagte Tom Hooper in Venedig. „Für mich war die Rolle eine lehrreiche Erfahrung“, meinte Eddie Redmayne. „Ich habe viele Menschen kennen gelernt, die transsexuell sind. Und ich habe alles gelesen, was ich über das historische Paar Einar und Gerda Wegener finden konnte“.
Für Alicia Vikander zählt hierbei vor allem „die außergewöhnlich leidenschaftliche Liebe, die die beiden verband. Gerda war zudem eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war, mit ihrer Arbeit wie auch mit ihrer Liebe zu Einar und Lili. Ich bewundere sie sehr und wünschte, ich hätte ein wenig von ihr in meiner Persönlichkeit“.
Eddie Redmayne mit Ehefrau Hannah Bagshawe (Foto: Katharina Sartena)
„The Danish Girl“ handelt aber nicht nur vom Aufbruch eines Mannes in sein neues Leben als Frau, sondern nimmt dies auch zum Anlass für ein Gesellschaftsporträt. Tom Hooper: „Der Bösewicht im Film ist die Dualität. Wer kein Mann war, war notwendigerweise eine Frau. Ich halte Geschlechterfragen allerdings für ein weiteres Spektrum. Der Arzt im Film möchte Einar wirklich helfen, aber es ist gefangen in einer dualistischen Welt. Es war eine schwarzweiße Welt, in der es keine Zwischentöne gab“.

Matthias Greuling, Venedig

Freitag, 4. September 2015

Johnny Depp: Eine Frage der Aura - Filmfestival Venedig

Wenn ein Star wie Johnny Depp zum Filmfestival von Venedig kommt, dann herrscht derAusnahmezustand. Denn Depp spielt in der Liga eines George Clooney, der hier auch immer wieder gerne und sehr herzlich willkommen geheißen wird. Depp, 52, mag seine beste Zeit schon hinter sich haben, und auch zahlreiche Filmflops, unter anderem der arg verunglückte „Lone Ranger“, zehren an der Substanz seiner Berühmtheit, und doch ist jemand wie Depp noch immer eine Ausnahmeerscheinung zwischen all den Stars und Sternchen. Woran es liegt, dass für manche Stars mehr geschrieen wird als für andere, ist wohl eine Frage der Aura.

Neben der Spur: Johnny Depp (Foto: Katharina Sartena)

Und die stimmt bei Depp auch nach drei Jahrzehnten im Filmgeschäft noch: Seit Depp fast nur mehr noch flächig geschminkt in seinen Filmen auftritt (sei es als „Lone Ranger“ oder als Captain Jack Sparrow), versucht er das im realen Dasein der Publicity-Events der Filmfirmen mit einem gewissen Schlabberlook zu kompensieren. Dabei spielen nicht selten löchrige Hüte eine Hauptrolle, aber diesmal hat Depp darauf verzichtet. Stattdessen knallgrünes Sakko, beige Hose und Schuhe, wie sie ein Gangster in den 30ern getragen haben könnte: Als wirkliche Stilikone geht der Schauspieler wohl nicht durch, dazu fehlt ihm auch die Eleganz. 
Neuer Look... (Foto: Katharina Sartena)
Wer seinen Look nicht mag, der schaut eben drauf, was Mr. Depp zu sagen hat. Und das ist nicht immer so klar verständlich: Denn Depp hat seine stets leicht angetrunken wirkende Figur des Captain Sparrow aus „Fluch der Karibik“ scheinbar zu nahe an sich rangelassen: Seit einigen Jahren wirken Pressekonferenzen mit Depp immer ein bisschen „schwammig“. „Dizzy“ würde es auch ganz gut treffen. In Venedig war das diesmal besonders spürbar.
Johnny Depp mit Ehefrau Amber Heard (Foto: Katharina Sartena)
Der Film, den Depp hier vorstellt, läuft außer Konkurrenz und heißt „Black Mass“, ein Politkrimi, in dem Depp einen Mafiaboss spielt - im für ihn ungewöhnlichen Look mit Glatze. Depp ist James „Whitey“ Bulger, der mit dem FBI-Agenten John Connolly (Joel Edgerton) eine Allianz eingeht.
Depp mit Filmpartnerin Dakota Johnson (Foto: Katharina Sartena)
Der konventionell inszenierte Krimi von Regisseur Scott Cooper erhielt hier am Lido freundlichen Applaus, bemerkenswert ist an ihm immerhin die Wandelbarkeit Depps zur völligen Unkenntlichkeit. Diese Illusion ist Depps definiertes Ziel als Schauspieler, wie er in Venedig versichert: „Ich war eigentlich Musiker, das mit dem Schauspielen ist mehr zufällig passiert. Aber in Fernsehserien rumzuhängen, das war nie mein Ziel. Ich wollte wie John Barrymore oder Marlon Brando sein, nicht frustriert in einer Rolle feststecken. Ich sah mich immer mehr als Charakterdarsteller denn als Poster-Starschnitt. Ein Schauspieler hat die Verantwortung, seinem Publikum jedes Mal etwas Neues zu zeigen. Diese Wandelbarkeit ist die Herausforderung an dem Beruf“.
Amber Heard und Johnny Depp, am Tag nach der Premiere wieder am roten Teppich (Foto: Katharina Sartena)
Trotz dieser vernünftigen Einstellung wird man an diesem Tag in Venedig den Eindruck nicht los, Johnny Depp wäre längst ein ferngesteuertes Abziehbild seiner selbst, weit entfernt vom Ideal, das er von sich beschwört. So mancher Satz klingt wie gelallt und holprig, und meistens hat Depp wirklich Mühe, der Fragestunde zu folgen.
Big Love. (Foto: Katharina Sartena)
So wirklich sicher ist er sich nur in einer Frage: „Ich liebe meinen Boss“, sagt Depp. Und damit meint er die zahllosen Fans, die draußen vor dem Palazzo del Cinema seit den frühen Morgenstunden ausharren, um ihr Idol einmal sehen zu können. Am Abend ist das Geschrei der Menge noch kilometerweit zu hören. „Sie warten seit Stunden, und ich finde, dass diese Menschen meine wirklichen Arbeitgeber sind. Sie gehen ins Kino und zahlen dafür, mich zu sehen. Sie sind mein Boss“. Selbst wenn der Depp seinen Stern langsam sinken sieht: Auf ihm geschwebt ist er nie. Die Bodenhaftung war immer stärker.

Matthias Greuling, Venedig

Venedig im "Spotlight": Mark Ruffalo als investigativer Reporter

Den Pulitzer Preis haben sie schon bekommen für ihr Engagement, vielleicht gesellt sich ja noch der eine oder andere Golden Globe oder Oscar hinzu: Die Aufdeckerjournalisten des „Boston Globe“, die 2003 den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Massachusetts recherchiert hatten, erhielten damals den Pulitzerpreis, auch, weil sie im Rahmen eines Teams namens „Spotlight“ zusammenarbeiteten - eine eigens von der Zeitung zusammengestellte Truppe, die mit reichlich Budget ausgestattet wurde, um für brisante Geschichten auch Monate oder gar Jahre recherchieren zu können, wenn es sein musste. 
Stanley Tucci, Tom McCarthy, Mark Ruffalo (Foto: Katharina Sartena)
„Journalismus wie diesen findet man heute leider nicht mehr. Zumindest nicht in den Vereinigten Staaten. Echte Aufdeckerjournalisten sterben aus“, findet Mark Ruffalo. Der Schauspieler schlüpft in „Spotlight“ in die Rolle eines der Aufdecker-Reporter, die gegen die katholische Kirche zu Felde ziehen, um den Missbrauch von Kindern durch Priester öffentlich zu machen. „Dieses unglaubliche Verbrechen musste bekannt werden. Viele Journalisten haben sich damals gefragt: Wieso haben WIR nicht diese Geschichte gebracht? Obwohl viele in der Szene von den Missbrauchsvorwürfen wussten, hat sie lange Jahre niemand angerührt“, erzählt Regisseur Thomas McCarthy, der gemeinsam mit Josh Singer das Script zu „Spotlight“ verfasste. Ebenfalls als Journalisten sind Rachel McAdams und (als Teamleiter) Michael Keaton zu sehen, außerdem dabei sind Stanley Tucci als Anwalt und Liev Schreiber als „Globe“-Herausgeber. 
Mark Ruffalo (Foto: Katharina Sartena)
Für Mark Ruffalo gehört es zu den Grundfragen des Filmprojektes, zu hinterfragen, weshalb sich gerade der US-Journalismus nach 9/11 in einer substanziellen Krise befindet. Einerseits brechen die Auflagen ein, andererseits befinden sich viele Journalisten auf Linie mit den Mächtigen. „Das ist keine gute Zeit für die schreibende Zunft“, weiß Ruffalo, „Man erwartet heute, dass alles gratis im Netz steht und dass das von irgendwem gemacht wird, der davon nicht zu leben braucht“. Doch wertvolle Information, die unter die Oberfläche gehe, koste eben Geld - und vor allem Zeit.
„Spotlight“ zeigt in unspektakulärer, aber umso spannenderer Weise, wie komplex und aufregend, wie unverzichtbar und notwendig eine freie Presse ist, die die Macht der Recherche besitzt und nicht immerfort dem Diktat des Kapitalismus ausgesetzt ist. Diesbezüglich, das zeigt die Realität, träumt der Film leider ein Stück weit auch ein utopisches Märchen.
Stanley Tucci (Foto: Katharina Sartena)
Für die bevorstehende Awards Seaseon, bei der die Studios ihre besten Stücke zur Aufführung bringen, die sich für einen der zahllosen Preise eignen sollen, die in den nächsten Monaten vergeben werden, sind Michael Keaton, Rachel McAdams und Mark Ruffalo heiße Kandidaten. Und das Thema „sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ geht der Oscar-Jury sowieso runter wie Öl. Mit diesem Riecher für eine gute Story hätte es Regisseur McCarthy sicher auch zu einem Top-Journalisten gebracht.

Matthias Greuling, Venedig

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.

Mittwoch, 2. September 2015

Filmfestspiele Venedig 2015: Zwischen Tradition und politischer Relevanz

Es gibt kaum ein Filmfestival, das derart eingedenk mit der eigenen Geschichte ist, wie jenes von Venedig. Das mag daran liegen, dass die 72. Filmfestspiele von Venedig, die heute, Mittwoch, eröffnet werden, schon per se die Patina im Namen tragen, ganz einfach deshalb, weil es sich hier um die ältesten Filmfestspiele der Welt handelt. Die Italiener waren die ersten, und das hatte einen Grund: Mussolini. Die Mostra del Cinema von Venedig wurde, je näher der Krieg rückte, zunehmend von deutschen und italienischen Preisträgern dominiert, um die faschistische Einheit der beiden Länder auch am Filmsektor zu unterstreichen. 1939 standen alle Zeichen auf Sieg für den französischen Film „La Grande Illusion“ von Jean Renoir. Doch der Goldene Löwe (der damals noch Coppa Mussolini hieß) ging in diesem Jahr an Leni Riefenstahls „Olympia“ und den italienischen Film „Luciano Serra, Pilota“, der von Mussolinis Sohn gemacht wurde. Indirekt führte dies zur Gründung des Festivals von Cannes, weil man diesem propagandistischen Treiben nicht länger tatenlos zusehen wollte.


Diese längst vergangenen Zeiten sind nicht allgegenwärtig am Lido, aber der Charme des alten Kinos, des italienischen Neorealismus, aber auch des felliniesken Firlefanz voller fantastischer Filme, all das ist hier noch immer spürbar. Auch, weil man in Venedig nach jahrelangem Tauziehen und Dutzenden in den Sand gesetzten Steuermillionen den ehrgeizigen Plan aufgegeben hat, hier doch noch einen modernen Kinokomplex, einen neuen „Palazzo del cinema“, zu bauen; das Prestigeprojekt wurde ersatzlos gestrichen, stattdessen wurde in ein bisschen Fassadenkosmetik für die von Mussolini erbauten, bestehenden Gebäude investiert. Alles hier ist „typisch italienisch“ gelaufen, sagen die Zyniker, und doch: Am Ende haben Venedig, die Stadt, und die Biennale, das Festival, eingesehen, worin ihr Alleinstellungsmerkmal liegt: In der Bewahrung der Tradition und in der Weitergabe der Begeisterung dafür. Nicht umsonst feiert man hier am 5. September den 40. Jahrestag der Oscarverleihung, bei der Fellinis progressives Meisterstück „Amarcord“ ausgezeichnet wurde. Zu diesem Anlass wird der Film frisch renoviert aufgeführt, die Farben erstrahlen in altem Glanz. Das Festival liebt solche Anlässe.

So sehr dieses Festival aber seine Tradition hochhält, so sehr ist es zugleich um Relevanz im internationalen Festivalzirkus bemüht. Mit Festivalchef Alberto Barbera ist dies weit weniger glamourös geglückt, als etwa unter seinem Vorgänger Marco Müller, jedoch hat der Kinopragmatiker Barbera das Festival mit sicherer und vor allem ruhiger Hand durch den Wellengang italienischer (Provinz-)Politik gesteuert. Es scheint, als hätten hier heute tatsächlich wieder die Programmierer das Wort, viel weniger die US-Studiobosse (die mittlerweile lieber nach Toronto gehen) und seit Ende der Ära Berlusconi noch weniger die (nationale) Politik. 
Das gibt Barbera den Freiraum, seinen Wettbewerb unabhängig zu gestalten und vermehrt gesellschaftskritische Wagnisse einzugehen, die man vor seiner Zeit vielleicht eher in Berlin gesehen hätte. So bringt er heuer eine dichte Auseinandersetzung mit dem Holocaust an den Lido: Der armenisch-kanadische Filmemacher Atom Egoyan zeigt in „Remember“ einen Auschwitz-Überlebenden, der  auf Rache an einem SS-Mann sinnt. Der Russe Alexandr Sokurov, der hier mit seiner „Faust“-Adaption 2012 den Goldenen Löwen holte, kommt dieses Jahr mit „Francofonia“ hierher zurück, einem Museums-Porträt des Louvre unter NS-Besatzung. 
Politisch engagiertes Kino findet man auch bei Amos Gitai, der in „Rabin, the Last Day“ den letzten Tag im Leben des israelischen Premiers nachzeichnet, an dem er 1995 ermordet wurde. Cary Fukunagas „Beasts of No Nation“ handelt von Kindersoldaten im Westen Afrikas. Die Doku „Heart of a Dog“ der Amerikanerin Laurie Anderson forscht am Alltagsleben in New York nach 9/11. „Frenzy“ von Emin Alper berichtet von Polit-Unruhen in der Türkei.
Von Toleranz erzählt „The Danish Girl“ von Tom Hooper, der Eddie Redmayne in der Rolle einer Transgender-Pionierin zeigt. Und ganz passend für die katholischen Kräfte im Land erblickt die erste Filmproduktion aus dem Vatikan das Licht der Leinwand: „L’esecito più piccolo del mondo“ porträtiert die päpstliche Schweizergarde.


Da wirken Filme wie „A Bigger Splash“, das Remake von „La piscine“ („Der Swimmingpool“ mit Romy Schneider und Alain Delon von 1969) fast schon deplatziert, bei so viel politischem Filmaktivismus. Doch halt: Es passt natürlich, nämlich zum traditionsbewussten Teil des Festival. Im besten Falle sehen wir eine gelungene Neuinterpretation, im schlimmsten Fall ärgern wir uns über Dakota Johnson in der Rolle der verführerischen 18-jährigen, die im Original von Jane Birkin gespielt wurde. Wie auch immer: Nostalgie ist immer Trumpf in Venedig. Weshalb auch der einzig österreichische Beitrag in diesem Jahr seine Berechtigung hat: „Helmut Berger, Actor“ des Salzburgers Andreas Horvath porträtiert den Weltstar aus Österreich - und fokussiert wohl weniger auf dessen Zeit im Dschungelcamp als vielmehr auf die Glanzjahre bei Visconti und Co. Das ist es, was hier zählt: Alter Glanz, noch einmal kräftig aufpoliert.

Matthias Greuling

Dieser Beitrag ist auch in der Wiener Zeitung erschienen.