Freitag, 17. Mai 2013

The Bling Ring: Sofia Coppola steigt bei Paris Hilton ein

Vier Teenage-Girls und ein Bursch brechen in die Villen reicher Hollywood-Stars ein und baden dort unter den Augen von Überwachungskameras stundenlang im Luxus ihrer Idole, ehe sie mit den schönsten Klunkern, Designer-Schuhen und –Taschen sowie den gefundenen Drogen und Dollarscheinen wieder abhauen.

"The Bling Ring" von Sofia Coppola. Foto: Festival de Cannes
Alles tatsächlich passiert, im schönen Los Angeles: Die Geschichte zu Sofia Coppolas neuem Film „The Bling Ring“, der die Nebenreihe „Un certain regard“ in Cannes eröffnete, hat Schlagzeilen gemacht, die Coppola zu diesem Film inspirierten. Er enthält Stars (und zugleich Freunde der Regisseurin), etwa Kirsten Dunst und Paris Hilton. Emma Watson ist hingegen nicht eine der bestohlenen Stars, sondern selbst Teil der Einbrecher-Gang. Filmfiguren übrigens, die an Oberflächlichkeit nicht zu überbieten sind und die beim Anblick eines Frauenschuhschranks ausflippen, als kämen sie aus einer Zalanado-Werbung.
Hatten die Protagonisten in Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ wenigstens noch einen hehren Weltveränderungsgedanken (sie wollten wie moderne Robin Hoods die Reichen verunsichern, indem sie ihre Villen verwüsteten), so sind die Protagonisten in Coppolas „The Bling Ring“ nur mehr noch verzogene Teenies mit zwei funktionierenden Gehirnzellen. Die linke davon bewältigt die lebensnotwendigen Aufgaben (Essen, Schlafen), während die rechte in einer Art Dauerpartymodus die zutiefst oberflächliche Welt der Hollywood-Stars und It-Girls zu imitieren versucht und zum Verbrauch von Unmengen an Koks animiert.
Eine ganze Stunde in „The Bling Ring“ vergeht, ehe die Regisseurin erstmals ihren redundanten Duktus von der Einbrecher-Routine durchbricht. Denn bis dahin ist man, in immer derselben grellbunten Partystimmung, mindestens acht Mal bei Paris Hilton zu Gast und muss zusehen, wie sich die Gören durch ihre Kleiderschränke wühlen. Was dramaturgisch zunächst völlig Fehl am Platz erscheint, weil sich die Geschichte durch die ewigen Wiederholungen nicht und nicht vom Fleck bewegt, wird erst im Finale als durchaus überlegtes Regiekonzept sichtbar: Denn Coppola erzählt die Story genauso oberflächlich, wie es ihre Protagonisten im echten Leben sind – hier arbeitet die Regie mit denselben Belanglosigkeiten, die auch das Leben der Mädchen dominiert. Motto: Was wäre das für ein Leben ohne Chanel, Prada, Antidepressiva und den Machtrausch, den eine Waffe hervorruft?
Natürlich wird die Bande erwischt und muss sich vor Gericht verantworten – gerade hier (und wie schon im Vorgänger "Somewhere") übt sich Coppola in viel Zynismus über die Glitzerwelt, in der sie selbst groß geworden ist: Die Star-Einbrecher werden schließlich selbst zu Stars, weil die Medien sich auf solche bizarren Geschichten stürzen. Und die Mädels wissen damit professionell umzugehen – eigene Website inklusive.
Wer übrigens einmal daheim bei Paris Hilton vorbeischauen will, weiß nach „The Bling Ring“, wo das It-Girl seinen Hausschlüssel (mit Eiffelturm-Anhänger!) versteckt: Er liegt links unter der Türmatte.
Matthias Greuling, Cannes

Donnerstag, 16. Mai 2013

François Ozon und die Schönheit der Jugend // Cannes 2013

Der Film beginnt mit einem Blick durchs Fernglas: Es zeigt ein Mädchen, 16 Jahre alt, das am Strand liegt und sich in der Sonne räkelt. Dann nimmt es sein Bikini-Top ab. Der Spechtler ist der ein paar Jahre jüngere Bruder des Mädchens, beide machen mit den Eltern Sommerurlaub im Süden Frankreichs. Isabelle feiert dort auch ihren 17. Geburtstag, und ihre Entjungferung (durch einen deutschen Burschen). Ihrem Bruder gegenüber kommentiert sie diese für sie wenig lustvolle Erfahrung nur knapp: „Erledigt“.
"Young & Beautiful" von François Ozon. Foto: Festival de Cannes
François Ozon hat in seinem neuen Film „Young & Beautiful“, der in Cannes im Wettbewerb läuft, den Titel zum Programm gemacht: Das vorerst laue Sommermärchen ist durchsetzt von sexuellen Anspielungen und Phantasien seiner Protagonisten. Dabei steht zunächst noch die eigene Lust im Vordergrund, bald aber wird für Isabelle aus dem Sexualtrieb die wohlkalkulierte Lizenz zum Gelddrucken. Denn Ozon zeigt seine noch nicht volljährige Hauptfigur nach dem Sommerurlaub in ihrer sonstigen Lebensumgebung (ein bürgerliches Umfeld in Paris), aus der sie regelmäßig ausbricht: Als selbstständig organisierte Prostituierte verdient sie gerade bei ihren älteren Kunden Unmengen an Geld. Erstaunlich, wie dieses Mädchen, das sich im Job Léa nennt, den Sex zur strategischen Machtausübung nutzt, obwohl ihr erstes Mal erst so kurz zurück liegt. Als sie auffliegt, versteht ihre Mutter die Welt nicht mehr. Was ist in der Erziehung bloß schief gelaufen? Aber das ist ein falscher Denkansatz, wenn man Léa verstehen will: Als Léa blendet Isabelle aus, was man ihr in ihrer wohlbehüteten Kindheit beigebracht hat.
Ozon hat mit Marine Vacth ein französisches Model in der Hauptrolle besetzt, das ausdrucksstark und wortkarg genau jenes Bild der fragilen Kindfrau mit dem Schmollmund und den großen Augen verkörpert, das die Laufstege gerne vermitteln. Der perfekte Körper dient hier aber nicht als Schauwert: Zwar ist „Young & Beautiful“ voller Szenen mit Verführung, Nacktheit und Sex, aber sexy ist dieser Film nie. Ozon umschifft gekonnt jede Konvention, die Erotik produzieren könnte.
Insgesamt aber ist „Young & Beautiful“ vor allem ein Film, der (französische) Klischees bemüht. Es ist, als würde Ozon (auch mit dem kurzen Auftritt von Charlotte Rampling) gern sich selbst reproduzieren, weil er schon so oft Bilder über Perfektion und über das Streben nach der reinen Schönheit gemacht hat. Jetzt, da man Ozons Handschrift schon deutlich kennt, wirken diese selbstreferenzierenden Klischees Fehl am Platz, auch wenn Ozon niemals expliziter von seinem Lieblingsthema erzählt hat: Dem oft schmerzlichen Prozess des Erwachsenwerdens.
Matthias Greuling, Cannes

Dienstag, 14. Mai 2013

Cannes: Ein Festival zwischen Institution und Innovation

Mit Institutionen ist es ja genau andersrum wie mit Innovationen: Man kann sie so lange als solche bezeichnen, wie sie einem verlässlich das ewig Gleiche liefern. Das ist in der Welt von Finanzen, von Recht und Gesundheit womöglich der Weisheit letzter Schluss, denn genau dort braucht es Stabilität. Aber in der Kunst?
Die Ruhe vor dem Sturm auf der Croisette. Foto: Greuling
Das Filmfestival von Cannes steckt seit vielen Jahren in einer Zwickmühle zwischen Institutionszwang und Innovationsdrang fest, ohne dass seine mehr als ergrauten Chefs jemals den Ausbruch aus dieser Situation gefunden hätten: Gilles Jacob, der 83-jährige Präsident des Festivals, der dessen Geschicke seit 1977 lenkt, und sein künstlerischer Leiter Thierry Frémaux, 53, und seit 2001 in dieser Position, haben in ihren Festivalprogrammen der letzten Dekade konstant auf sichere Quotenbringer und den Arthaus-Mainstream gesetzt. Ja, sie haben diesen Begriff sogar erfunden, indem sie mit schöner Regelmäßigkeit die immer gleichen Regisseure in ihren Wettbewerb eingeladen haben und dabei auf innovative, frische Zugänge weitestgehend verzichteten. Die finden in der zeitgleich stattfindenden, aber vom Festival völlig entkoppelten Reihe „Quinzain des réalisateurs“ statt, in der auch Leute wie Haneke ihre ersten Cannes-Sporen verdienten. Irgendwann, wenn sie genug künstlerische Ausdauer bewiesen hatten, übernahm man sie in den Wettbewerb. Aber muss man Jacob und Frémaux das zum Vorwurf machen? Nein. Sie verteidigen nur den Mythos ihrer Institution.  
Am Programm der heute Abend beginnenden 66. Ausgabe des weltgrößten und berühmtesten Festivals ist das wieder überdeutlich abzulesen: Niemand hier ist wirklich ein Cannes-Neuling im Bewerb um die Goldene Palme, und auch außerhalb des Wettbewerbs bemüht sich Cannes um die größtmögliche Glamour-Show: Der Eröffnungsfilm kommt vom australischen Bombast-Könner Baz Luhrmann, der hier schon 2001 mit „Moulin Rouge“ die Sinne taumeln ließ: „Der große Gatsby“ heißt sein neues Werk, mit Leonardo DiCaprio, in 3D und mit jeder Menge Spektakel: Ein Bilderreigen nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald, der schon diese Woche in unseren Kinos anläuft und seine Premiere bereits vergangene Woche in New York hatte. Bei allen Sicherheitsgedanken, die Cannes bei Eröffnungsfilmen traditionell hegt (große Stars bedeuten flächendeckende Berichterstattung in den Medien)  ist das immerhin eine Art Novum: Bisher war es für Jacob und Frémaux nämlich unabdingbar, dass Filme, die in Cannes gezeigt werden, Weltpremieren zu sein hatten; doch für das Kommen von DiCaprio und Co. machte man diesmal eine Ausnahme – und geht somit auch in die Knie vor den US-Studios, die sich dem Diktat der rigorosen Cannes-Regeln offenbar nicht mehr unterwerfen wollen: Es ist ein Wechselspiel der Kräfte. Cannes braucht Hollywood, und Hollywood braucht Cannes. Nur dass es derzeit so aussieht, als hätte Cannes da etwas Boden verloren. Es ist wie in Beziehungen: einer liebt immer mehr – und ist am Ende der Verlierer.
 
Die Selbstverständlichkeit, mit der Cannes sein Programm füllt, läuft dem festivaleigenen Statut, neue Wege in der Filmkunst zu fördern, zuwider. Auch, wenn der „Cannes Regular“ Lars von Trier mit seinem Werk „Nymphomaniac“ überraschenderweise fehlt, weil er angeblich nicht rechtzeitig fertig wurde (böse Zungen behaupten, von Trier sei nach seinem Nazi-Sager 2010 noch immer „persona non grata“ in Cannes), stammen die meisten Filme von den üblichen Verdächtigen: Allein aus Frankreich sind acht Filme im Bewerb, darunter die neuen Arbeiten von Francois Ozon, Abdellatif Kechiche und Valeria Bruni-Tedeschi. Wieder mal an der Croisette sind die Coen-Brüder, Steven Soderbergh, James Gray, Roman Polanski oder Jim Jarmusch. Mag sein, dass unter ihren Arbeiten einige neue Meisterwerke alter Meister zu finden sein werden, jedoch stellt sich erneut heraus, was bereits im Vorjahr eines der drängendsten Probleme des Festivals war: Es ist – wie auch bei den Oscars – in Wahrheit eine Altherrenveranstaltung, die sich zum gemeinsamen Feiern ausgetretener Pfade versammelt. Vielleicht gilt das für Cannes im Speziellen und für das Filmschaffen im Allgemeinen: Im sich selbst perpetuierenden System der Dominanzen in einer hierarchisch wenig demokratischen Branche kann die Innovation nur störend wirken; denn sie stellt die Institution in Frage. Der Kunstbetrieb in Cannes deckt diese Tatsachen gerne mit viel Pomp und Glamour zu, damit man vor lauter Funkeln nicht mehr sieht, dass darunter leise fließt, was eigentlich brodeln sollte.
Matthias Greuling, Cannes


Montag, 13. Mai 2013

Festival de Cannes 2013: Eine Vorschau auf das Programm

Noch bestimmen eher betagte Touristen das Bild von Cannes. Wenn aber in dem einstigen kleinen Fischerdorf ab 15. Mai die Filmprofis aus aller Welt einfallen, verwandelt sich dieser Ort in das Mekka des Filmgeschäfts und wird für 10 Tage zur Pilgerstätte für die Fans von Superstars wie Leonardo DiCaprio, Emma Watson, Ryan Gosling oder Carey Mulligan. Täglich auf dem roten Teppich werden unter anderem Steven Spielberg, Christoph Waltz und Nicole Kidman zu sehen sein, denn sie gehören zur internationalen Jury, die über die insgesamt 19 Filme im Wettbewerb um die Goldene Palme abstimmen werden.
Cannes
Noch wird in Cannes allerorten geschraubt, gehämmert und gebohrt, denn das Palais des Festivals will auf Vordermann gebracht werden. Besonders sorgfältig geht man beim Auslegen des roten Teppichs vor, der mit einer Plastikfolie überzogen ist. Erst wenn am Mittwoch die ersten Stars darüber laufen, kommt die Folie weg.
Zur Eröffnung am Mittwoch läuft beim 66. Festival de Cannes Baz Luhrmanns 3D-Spektakel „Der große Gatsby“ – ein Bombast-Remake des Klassikers von 1974, basierend auf F. Scott Fitzgeralds berühmtem Roman. Der Film, der schon am Freitag regulär in den Kinos anläuft, hatte bereits seine Weltpremiere in New York, doch Cannes wollte nicht auf die Starinvasion für seinen Auftakt verzichten; und das, obwohl man in Cannes eigentlich auf Welturaufführungen besteht. Aber zu wichtig ist die Coverage der insgesamt 4000 anwesenden Journalisten am Starttag – Cannes will schließlich die unangefochtene Nummer eins unter den Filmfestivals bleiben. Das geht aber nur mit viel Pomp, Glamour und wilden Partys. Die werden meist entlang der Prachtstraße „La Croisette“ veranstaltet, in den noblen Hotels (vom Carlton bis zum Majestic) oder den vorgelagerten Stränden – bis jetzt sind dort aber nur viele Baustellen, und große LKW schaffen Ton- und Bühnenequipment heran.
Damit das Festival auch seinen Ruf als künstlerisch hochwertige Veranstaltung festigt, sind im Wettbewerb auch in diesem Jahr wieder etliche neue Werke arrivierter Filmemacher zu sehen: Allein aus Frankreich sind acht Filme im Bewerb, darunter die neuen Arbeiten von Francois Ozon, Abdellatif Kechiche und Valeria Bruni-Tedeschi. Stark vertreten ist auch das asiatische Kino mit Filmen von Jia Zhangke, Takashi Miike und Kore-Eda Hirokazu. Fehlen dürfen aber auch nicht die „Cannes Regulars“: Die Coen-Brüder stellen ihren Film „Inside Llewyn Davis“ über die New Yorker Folk Music-Szene der 60er Jahre vor, Steven Soderbergh zeigt seinen definitiv letzten Film vor der selbst verordneten Regie-Pause, „Behind the Candelabra“ mit Michael Douglas und Matt Damon. Von James Gray kommt das in den 1920ern angesiedelte Einwandererdrama „The Immigrant“ (mit Marion Cotillard), von Jim Jarmusch „Only Lovers Left Alive“. Mit dem Bangkok Crime-Thriller „Only God Forgives” kehrt der Däne Nicolas Winding Refn in den Wettbewerb zurück, nachdem er hier schon den Regiepreis für “Drive” abstaubte – sein Hauptdarsteller heißt erneut Ryan Gosling. Altmeister Roman Polanski wird nicht nur sein neuestes Werk „La Venus a la Fourrure“ präsentieren, sondern auch eine Doku über Formel-1-Legende Jackie Stewart. Die Nebenreihe „Un certain regard“ wird mit Sofia Coppolas „The Bling Ring“ eröffnet, in dem Teenager in die Villen gut betuchter Hollywood-Stars einsteigen. Emma Watson spielt eine der Einbrecherinnen, keinen bestohlenen Star, wohlgemerkt.
Derweil strahlt in Cannes noch die Sonne vom azurblauen Himmel, doch für den Beginn des Festivals wurde eine Schlechtwetterfront vorhergesagt, die sich über mehrere Tage halten soll. Was wiederum ein Deja-vu zum Vorjahr ergäbe: Damals fand die Premiere des späteren Cannes-Siegers „Amour“ von Michael Haneke bei Platzregen und Sturmgewitter statt. Vielleicht ein gutes künstlerisches Omen für jene Filme, deren Premieren heuer ins Wasser fallen werden: Sie haben mitunter – siehe „Amour“ –  eine große Karriere vor sich.
Matthias Greuling
Das Filmfestival von Cannes beginnt am 15. Mai. Offizielle Seite: www.festival-cannes.fr
 

Donnerstag, 25. April 2013

Crossing Europe Linz 2013 : Wachsen in der Nische


Was die Viennale als Best-of des Weltkinos ist, was die Diagonale in Graz für das heimische Filmschaffen leistet, das ist Crossing Europe in Linz für das junge europäische Kino. Das dritte große heimische Filmfestival eröffnet heute, Dienstag, seine Pforten zur Jubiläumsausgabe, die bis 28. April dauert: Seit zehn Jahren programmiert nunmehr Christine Dollhofer diese feine Zusammenstellung europäischen Kunstkinos aus allen Winkeln des Kontinents. Es sind Filme, die man im regulären Kinobetrieb niemals oder nur selten zu sehen bekommt.
In dieser Nische hat sich Crossing Europe über die Jahre eine treue Fangemeinde aufgebaut und genießt einen hervorragenden Ruf - auch in der internationalen Festivalszene.
"Made in Poland" von Tribute-Gast Przemyslaw Wojcieszek. Foto: Crossing Europe
Dollhofer, die vor Crossing Europe die Diagonale in Graz leitete, muss im Jubeljahr aber auch mit Einschnitten kämpfen: Zwar stehen das Land Oberösterreich und die Stadt Linz hinter der ambitionierten Kulturinstitution, aber der Wegfall eines Hauptsponsors und einiger Sachsponsoren zwangen Dollhofer, den Gürtel enger zu schnallen. Sie sieht es freilich positiv: „In Zeiten knapp werdender Mittel im Kulturbereich bin ich sehr stolz, dass wir es geschafft haben, zehn Jahre lang sehr erfolgreich und mit stetig wachsenden Besucherzahlen ein autonomes, internationales Festival zu veranstalten“, so Dollhofer. An einen Ausbau der Aktivitäten ist allerdings nicht zu denken, man müsse froh sein, das Niveau zu halten: „Es gibt von allen Hauptfördergebern ein klares Bekenntnis zu ‚Crossing Europe’“, sagt Dollhofer. „Mir ist wichtig, das Festival langfristig zu stabilisieren und seinen besonderen Charakter zu bewahren.“
Daher steckt das Team seine Energie vor allem in inhaltliche Arbeit: Neben zahlreichen Filmen, die das Festival bei den großen Filmschauen in Cannes, Locarno, Venedig und Berlin einsammelt, gab es heuer mehr als 750 Filmeinreichungen. Dollhofer hat aus dem Angebot insgesamt 162 Filme aus 40 Ländern ausgewählt. Die handverlesenen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme sollen das zeitgenössische und gesellschaftspolitische Autorenkino aus Europa repräsentieren. „Aus etwa 1000 gesehenen Filmen versuche ich eine selektierte Mischung zu formen. Wir bemühen uns stets um Österreich-Premieren. Einen Strich durch die Wunschfilmliste macht uns aber manchmal die Verfügbarkeit der Filmrechte“, sagt Dollhofer.
Im Wettbewerb des Festivals treten neun neue Spielfilme aus Europa gegeneinander an, die meisten Regisseure sind hier bestenfalls Branchenkennern bekannt. Das ist eine der Funktionen dieser Filmschau: Dem Publikum bislang unbekannte Gesichter und Stimmen zu präsentieren. Dennoch kommt man um einige „Festivalhits“ nicht herum: So stehen unter anderem mit „Everyday“ von Michael Winterbottom, „Layla Fourie“ von Pia Marais, „Winterdieb“ von Ursula Meier, „Reality“ von Matteo Garrone oder „In the Fog“ von Sergei Loznitsa etliche Filme auf dem Programm, die bereits  in Cannes, Venedig oder Berlin für Aufsehen sorgten. Dennoch gehört Crossing Europe über wiegend dem Nischenkino: Dieses Jahr wird etwa dem polnischen Regisseur Przemyslaw Wojcieszek ein Tribute gewidmet. Das Programm „Randlagen“ zeigt Filme über Orte, die aufgrund der Globalisierung ausgedünnt und verlassen scheinen. In „Arbeitswelten“ zirkeln neue Arbeiten um die existenziellen Probleme einer von Krise und Arbeitslosigkeit gepeinigten europäischen Gesellschaft. Und das Programm „Local Artists“ ist vor allem für die Region von großem Wert: Hier werden die Arbeiten junger Filmschaffender aus Oberösterreich vorgestellt.
- Matthias Greuling

Mehr Infos zum Festival: www.crossingeurope.at

Dieser Beitrag ist zuerst in der Wiener Zeitung erschienen.

Freitag, 15. März 2013

Diagonale 2013: Kein Megatrend im österreichischen Film

Schon beim Frühstück wird hier über Film diskutiert: Die Filmschau Diagonale, bei der heute, Samstag, Preisgelder von mehr als 100.000 Euro vergeben werden, lockt nicht nur Grazer Publikum oder die heimische Filmbranche an, sondern auch internationale Gäste. Einige von ihnen sind Programmierer anderer Festivals und halten Ausschau nach geeigneten Produktionen, die sie einladen könnten. Das ist Teil des Festivalbetriebs, und mitunter der Startschuss für lange Festivalkarrieren. Es ist die Wurzel dessen, was man gemeinhin als das „österreichische Filmwunder“ bezeichnet: Ohne Networking bliebe auch der beste Film vermutlich weitgehend ungesehen.
 
"Das Haus meines Vaters" von Ludwig Wüst. Foto: Diagonale
Filme wie „Talea“ von Katharina Mückstein oder „Soldate Jeanette“ von Daniel Hoesl stehen nicht nur dank geschickter Festivalplatzierungen (Hoesl gewann in Rotterdam) hoch im Kurs (die „Wiener Zeitung“ berichtete) – sie gehören auch zu den Favoriten bei der Preisverleihung. Und sie sind ein Indiz dafür, wie uneinheitlich sich das Diagonale-Programm dieses Jahr zeigt – im positiven Sinne. Einen Megatrend gibt es im jüngeren österreichischen Filmschaffen nämlich nicht: Trotz des viel beschworenenen „Wunders“ sind die meisten Filmemacher hier Individualisten geblieben, die weniger „österreichische“ denn viel mehr „eigenwillige“ Filme machen.

Die Eigenwilligen


Ludwig Wüst ist so ein Eigenwilliger. Seine Filme „Koma“ oder „Tape End“ sind Ausdruck eines radikalen Kinos, das gerne mit seiner spröden Darreichungsform spielt. Für Wüst, ein gebürtiger Bayer, der jahrelang vor allem am Theater inszenierte, sind auch seine Filme Bühnen; es gibt kaum Schnitte, sondern lange, bis zur Penetranz ausgereizte Takes. Dabei sind seine Stücke nie theatralisch oder bühnenhaft, sondern in Schauspielerführung und Dialogen zutiefst filmisch. Eine Verschränkung, die sonst selten gelingt. Bei Wüsts neuer Arbeit „Das Haus meines Vaters“ aber funktioniert sie perfekt. Ein Mann (Nenad Smigoc) kehrt in das Dorf seiner Jugend zurück, trifft dort auf eine einstige, ihm sehr zugeneigte Schulkollegin (Martina Spitzer), die ihn durch das verlassene Haus seiner Eltern führt. Er entdeckt im heruntergekommenen Chaos allerhand, was ihn an seine Kindheit denken lässt; Erinnerungen offenbar, die ihm gar nicht gefallen. Wüst thematisiert das Hinter-Sich-Lassen von Vergangenheit, das Zudecken unangenehmer Wahrheiten, das Negieren von eigenen Befindlichkeiten; „Das Haus meines Vaters“ ist famos gespieltes Minimalismuskino, das gerade durch seine reduzierte Handlung eine starke Sogwirkung entfaltet.
"Der Blick in den Abgrund", Barbara Eder (Foto: Diagonale)
Bei den Dokumentarfilmen hat die Diagonale etliche Arbeiten im Programm, die sich mit der Normalität in Extremsituationen befassen. Barbara Eder etwa unternimmt in „Der Blick in den Abgrund“ den Versuch, die Arbeit von Profilern auf ihre Alltagsrealität hin zu untersuchen. Die kriminalistische Suche nach dem Bösen setzt diese Menschen unter Druck, auch, weil ihre Tätigkeit längst zum TV-Klischee verkommen ist: Kein Genre funktioniert im Fernsehen besser als der Krimi.
Die Normalität des Gerichtsvollziehers zeigt „Schulden GmbH.“ von Eva Eckert. Sie ist bei Pfändungen, Zwangsversteigerungen und Schuldnerberatungen dabei, und blickt auf Fälle, die die Strenge des Gesetzes zu spüren kriegen; wer einmal in die Schuldenfalle gerät, findet nur schwer wieder heraus. Menschlichkeit, das zeigt dieser Film, hat gegen das Gesetz keine Chance.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist zuerst in der "Wiener Zeitung" erschienen.

Diagonale 2013: Innovatives Kino über den (Un-)Wert des Kontinuierlichen

Auf Herrn Manfred ist Verlass. Der (mittlerweile pensionierte) Barkeeper eines Grazer Innenstadthotels kehrt einmal im Jahr in seinen früheren Beruf zurück, um die Gäste der Diagonale mit dem von ihm kreierten „Kalaschnikov“ zu versorgen. Ein kleiner Shot aus Wodka, Kahlua und Zitrone, der es beim Filmfestival längst zum Kultgetränk gebracht hat. Jeder hier hat einen der Festivalabende schon einmal mit ein paar Kalaschnikovs beendet. Es ist wie ein Ritual.
 
"Talea" von Katharina Mückstein. Foto: Diagonale
Wenn Rituale und Kontinuitäten fehlen, dann gerät der Mensch aus dem Gleichgewicht. Das zeigt sich in Graz nicht nur im diesmal verregneten Wetter (sonst sitzt man hier um diese Zeit in der Sonne), sondern auch im Programm. Eine Reihe von Erstlingsfilmen, aber auch die Arbeiten arrivierter Filmemacher befassen sich mit diesem Thema, darunter auch die Debütantin Katharina Mückstein, die an der Wiener Filmakademie bei Haneke Regie studiert hat.  In „Talea“ erzählt sie die einfache und doch menschlich komplizierte Geschichte der 14-jährigen Jasmin (talentiert: Sophie Stockinger) und ihrer gerade aus der Haft entlassenen Mutter Eva (Nina Proll). Die Annäherung zwischen den beiden ist geprägt von der Absenz jeglicher Kontinuität, die ein Kind in Jasmins Alter so dringend nötig hätte. Bei einer Reise aufs Land versuchen sie, sich zu finden: Ihre Nähe zueinander entwickelt sich aber nur recht zaghaft. Mückstein setzt ihre unspektakuläre filmische Identitätssuche in beinahe schon bedrückend schöne, dichte Bilder um, in denen ihre beiden Darstellerinnen wie in einer Blase kurz die Welt um sich herum vergessen und jede Angst vor einer Zukunft ohne Kontinuität absorbieren.
All das, was zu den landläufig als lebensnotwendig erachteten Kontinuitäten gehört, führt ein anderer Erstlingsregisseur in seinem Debüt „Soldate Jeanette“ ad absurdum: Daniel Hoesl zeigt die einst vermögende Fanni (Johanna Orsini-Rosenberg) beim Abstreifen jeglichen Reichtums; sie wird zwangsdelogiert, weil sie mit der Miete im Rückstand ist. Sie wird mehr und mehr die Sicherheit, die ihr das Vermögen gab, durch eine andere Art von Lebenskontinuität ersetzen: Zum Glück braucht es keine materiellen Güter – eine alte Weisheit, die Hoesl aber in eine innovative Erzählstruktur taucht, die sich angenehm radikal von dem von Stuck und Konservativismus geprägten, muffigen Wien abhebt. „Soldate Jeanette“, begonnen ohne Drehbuch, für nur 65.000 Euro realisiert und mittlerweile Preisträger beim Filmfestival Rotterdam, ist ein stilistischer Durchbruch zu neuen Ufern. Hoesls Frauenfiguren haben eine Intensität wie jene bei Fassbinder, und sie spucken dem Materialismus mit ganzer Kraft ins Gesicht. Wider die Kontinuität im Sinne der Wiederholung immer gleicher Fehler, das bedeutet: Sich wirklich treu zu bleiben.
Treu bleibt sich auch Caspar Pfaundler. Er zeigt in „Gehen am Strand“ die Befindlichkeit der Studentin Anja (einnehmend: Elisabeth Umlauft), die mit der Finalisierung ihrer Diplomarbeit hadert und sich zunehmend sozial isoliert. Die Isolation erhält lebensbedrohlichen Charakter, eine Reise ans Meer bietet Anja die Chance auf eine Rückkehr ins „normale“ Leben. Pfaundler ist gewohnt sensibel im Vortrag seiner simplen Geschichte. Wie er auch schon in seinem letzten Film „Schottentor“ mit größtmöglicher Präzision versucht hat, existenzielle Nöte einzufangen, gelingt ihm das auch hier vortrefflich.
Zwei Dokus sprechen auf der Diagonale vom Kontinuum des eigenen Willens:  „Schlagerstar“ von Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober folgt dem Volksmusiker Marc Pircher durch Bierzelte, Autogrammstunden, Lederhosenromantik. Keine Musiksparte macht mit Konzerten und CD-Verkäufen mehr Geld als die Volksmusik, aber der Traum, den Pircher lebt, ist hart erkämpft: Lächeln und gute Laune sind obligatorisch, und zwar 24 Stunden täglich, kontinuierlich. Die Doku macht sich über ihren Protagonisten niemals lustig, auch wenn vieles hier belächelt werden könnte.
"Robert Tarantino" von Houchang Allahyari. Foto: Diagonale
Ähnlich ist das in Houchang Allahyaris „Robert Tarantino“, einer Doku über einen leidenschaftlichen Wiener Trash-Filmer, die ebenfalls den Respekt wahrt und sich nicht über die Splatter-Horror-Filme lustig macht, die „maximal 40 Euro kosten, für das bisserl Kunstblut“. Sein Künstlername ist seinen Vorbildern Robert Rodriguez und Quentin Tarantino geschuldet, in deren Liga er so gerne spielen würde. Allahyari hat den Traum von Hollywood aber schnell heruntergebrochen auf die ursprünglichste Sehnsucht nach Kontinuität: Robert Tarantino verliebt sich in die Hauptdarstellerin seines neuesten Films. Eine unerhörte Liebe, ein großer Schmerz.
Ein Kalaschnikov von Herrn Manfred könnte über einen solchen Schmerz hinweghelfen. Aber nicht kontinuierlich, sondern nur vorübergehend.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist zuerst in der "Wiener Zeitung" erschienen.