Dienstag, 6. September 2016

Ulrich Seidl im Unruhezustand

Auf „Safari“: Ulrich Seidl hat einen Film über Jagdtourismus in Afrika gedreht, der in Venedig uraufgeführt wird.

Von Matthias Greuling, Venedig

Sie schleichen durch die Wildnis, als wären sie selbst Tiere auf der Jagd nach Beute. Sie nehmen alles ins Visier, was sie hier in den Weiten Afrikas entdecken: Buschböcke, Impalas, Zebras, Gnus und sogar Giraffen. Der Jagdtrieb in ihnen ist angeschwollen bis zu seiner maximalen Ausprägung. Das Adrenalin schießt durch ihre Adern, zugleich müssen sie ihre Emotionen drosseln, denn sonst wittert das Tier, im Jagdjargon auch „Stück“ genannt, dass es auf der Abschlussliste steht. Das Gewehr wird aufgestützt auf eine Art Stativ, damit der Schuss sauber und gezielt trifft. Wir sind bei einer „Safari“ dabei, und genau diesen schlichten Titel wählt Regisseur Ulrich Seidl, um seinen „Urlaubsfilm über das Töten“, wie er ihn nennt, zu beschreiben. Der Film hatte soeben seine Weltpremiere außer Konkurrenz beim Filmfestival von Venedig.
Ulrich Seidl (Foto: Katharina Sartena)

Herr Seidl, was interessiert Sie an der Jagd?
Ulrich Seidl: Jagd wirft die Frage auf, warum Menschen auf Tiere schießen. Hinzu kommt die Komponente, dass ich in Afrika gedreht habe, wo findige Unternehmer diese Jagd auch Touristen aus aller Welt anbieten - man jagt hier, während man Urlaub macht - und diese Kombination hat mein Interesse geweckt. Jagen ist menschlich, es liegt offensichtlich in den Genen, zumindest bei Männern. Auf der anderen Seite hat die Jagd in der Öffentlichkeit ein sehr schlechtes Image. Man fragt sich, ob man das vertreten kann. All diese Aspekte fließen in diesen Film ein.

Kann man Jagd denn vertreten?
Das kann man nicht so einfach beantworten. Man muss zwischen der Jagd in heimischen Wäldern und der touristisch organisierten Großwildjagd unterscheiden. Ich bin in diesem Sinne kein ausgesprochener Jagdgegner, sondern hinterfrage, unter welchen Voraussetzungen findet die Jagd statt und zu welchem Zweck?

War es schwierig, die Protagonisten für diesen Film zu finden? Gerade, weil die Jagd ein solch umstrittenes Thema ist?
Ich finde immer die richtigen Protagonisten für meine Filme, meistens ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich sie habe und da gehört auch Geduld dazu. In diesem Fall war es besonders schwierig, da ich Menschen finden musste, die ich unverfälscht dabei zeigen durfte, dass sie zu ihrem Jagdurlaub in Afrika wirklich stehen. Für mich war wichtig, dass ich zu dem Thema keine vorgefasste Meinung hatte, denn es macht für mich keinen Sinn, einen Film zu beginnen, dessen Thema ich positiv oder negativ sehe. Ich gehe dem nach, bin selbst neugierig, und frage: Was passiert hier? So entstehen meine Filme. Im übrigen kann ich mir nicht vorstellen, jemals selbst zu jagen.

Sie „inszenieren“ selbst bei Dokumentarfilmen weite Teile Ihrer Bilder. Wie weit hat Ulrich Seidl den doch recht unkalkulierbaren Prozess des Anpirschens mitgeformt?
Ein bisschen Wahrheit ist bei mir schon dabei, nicht alles ist Inszenierung. Aber selbst, wenn die Kamera sich viel bewegt, wie in diesem Fall, nehme ich dennoch großen Einfluß auf sie. Mein Hauptinteresse galt hier den Menschen, die sich eine solche touristische Reise antun, und wie sie durch den Busch pirschen, auf der Suche nach wilden Tieren. Und wie sie sich benehmen, wenn sie ein Tier sehen. Was machen sie vor dem Schuss, wie reagieren sie danach?

Interessant ist jedenfalls der Umgang mit Sprache: Das Tier ist in der Jägersprache ein „Stück“, das nicht blutet, sondern „schweißt“.
Ich kannte einen Teil dieser Jägersprache, aber mich hat es auch verwundert. Wie kann man das interpretieren? Warum gibt es diese Sprache? Die Antwort kann nur sein: Man schafft zu einem Tier, das man erlegen will, eine Distanz, damit es keinerlei emotionale Verbindung geben kann.  Das Tier ist eben kein Zebra oder keine Giraffe, sondern ein Stück. Das lässt einen schon nachdenklich werden. Und auch die Tatsache, auf die wir während der Arbeit an den englischen Untertiteln für den Film draufgekommen sind: Im Englischen gibt es keine vergleichbare Jägersprache. Man kennt das nur im deutschen Sprachraum.

Wo verorten Sie „Safari“ auf Ihrem künstlerischen Weg? Denn der Film ist nur vordergründig ein Film über eine Safari. In Wahrheit geht es doch ums Menschsein.
Am Anfang einer neuen Arbeit habe ich nie vor, mit einer genauen Vorstellung da hineinzugehen. Ich habe lediglich ein mehr oder weniger eingegrenztes Thema, und ich mache daraus einen Film, im Zuge dessen ich mich mit den Protagonisten zu einem gewissen Punkt entwickle. Also, ich gehe nicht her und fasse den Plan, einen metaphorischen Film über das Menschsein zu machen. Es ergibt sich eher. Deshalb kann ich den Film auch nicht einordnen. Ähnlich erging es mir bei „Im Keller“. Die Jagd als Thema symbolisiert hier aber sehr gut, wo wir als Menschheit heute stehen, nämlich an einem Punkt, an dem sichtbar wird, dass wir uns selbst irgendwann einmal abschaffen werden, so hat es den Anschein. Weil wir alles rücksichtslos ausbeuten und zerstören.

„Safari“ ist in seiner Weltsicht viel universeller, als es etwa „Im Keller“ war. Noch dazu, weil die Jagd Ihnen hier auch als Metapher dient.
Sie haben recht, denn man kann das weiterdenken und eine andere Form von Ausbeutung sehen: Wenn man die Jagd verurteilt, was berechtigt ist, dann muss man auch die Massentierhaltung verurteilen. Wer ein Verbot der Jagd fordert, muss auch diese Massentierhaltung verbieten. Aber davon will niemand etwas hören, weil man ja selbst auch in den Supermarkt geht und sich das vakuumverpackte Fleisch kauft, ohne wirklich zu sehen, dass das auch ein mal ein lebendiges Wesen war, das geschlachtet wurde.

In „Safari“ dient das Töten allerdings als Touristenattraktion. 
Der Jagdtourismus ist ein Wirtschaftszweig, genau wie der Tourismus an sich. Es ist ein Geschäft. Europäer zahlen einen Preis, damit sie diese Jagd geboten bekommen und ihre Zeit dort verbringen. Die Herstellung der Trophäen ist außerdem auch noch mal ein Wirtschaftszweig, denn ein Gnu, das man erlegt hat, will präpariert werden, und da gibt es je nach Tierart Preislisten, was das kostet. Das kann leicht ein paar Tausend Euro ausmachen. Da gibt es wirklich große Unternehmen, die so etwas machen und in die ganze Welt verschicken.

Noch ein Wort zur Politik: Ihr Film „Im Keller“ hat eine Befindlichkeit vorweggenommen, die heute, im Wahljahr 2016 zur Realität geworden ist. Sehen Sie das auch so?
Ich sehe das anders. Der berühmt gewordene Nazi-Keller mit dem Hitler-Bild und den darunter feiernden Männern, den hat es bei uns immer gegeben, das ist nichts Neues gewesen. Das war auch vielen Menschen bekannt, man hat halt einfach nur nicht darüber geredet. Ich glaube hingegen, dass die neue Entwicklung eine viel gefährlichere ist, weil hier die schreckliche Vergangenheit der NS-Zeit gar keine Rolle mehr spielt. Sondern man ist hier - unter ganz anderen Voraussetzungen - plötzlich bereit, von der Demokratie abzurücken.

Wäre das ein Sujet für Sie?
Für mich nicht, denn ich glaube, meine Filme sind per se alle schon sehr politisch und nehmen zu gewissen Befindlichkeiten Stellung. Ich würde aber keinen Film machen, bei dem ich von Beginn an ein politisches Thema als Grundlage installiere, sondern ich zeige eher Menschen. So habe ich es auch in „Safari“ getan.

Ihre Filme haben immer wieder Diskussionen ausgelöst. Erwarten Sie das auch für „Safari“?

Ich hoffe. Denn ich mache Filme, damit sie Diskussionen auslösen und will dem Zuschauer genug Stoff für Verstörung bieten, damit er aus dem Kino geht und sich darüber den Kopf zerbricht. Meine Filme sollen etwas bewirken, was einen nicht mehr in Ruhe lässt.

Auch in der WZ erschienen.

Montag, 5. September 2016

Halbzeit in Venedig

Bis zur Halbzeit präsentierte das Filmfestival Venedig große Namen und spannende Filme von Wenders, Ozon und Tom Ford.

Von Matthias Greuling, Venedig


Wenn jemand wie Wim Wenders seinen bereits vierten Film in 3D vorstellt, dann hat das eine Aussagekraft von besonderer Bedeutung: Zugleich sagt der Regisseur: „3D ist leider zum Scheitern verurteilt“. Und zwar deshalb, weil Hollywood diese Seh- und Projektionstechnik „für die falschen Geschichten eingesetzt hat“. Wender begann bei „Pina“ (2011) an 3D zu glauben, und zwar „in einer Form, die sich für ein anspruchsvolles Erzählen eignete, nicht für Spektakelkino, das den Zuschauer schnell ermüdet“. Weshalb der 71-jährige deutsche Regisseur ein Verfechter von 3D bleibt. „Aber es wird wohl wieder zur Fußnote der Filmgeschichte werden, denn die großen Studios ziehen sich bereits aus dem Geschäft mit 3D zurück“, weiß Wenders. „Immer weniger Leute wollen das sehen“.
Wim Wenders (Foto: K. Sartena)
Wir sind in Venedig, bei den 73. Filmfestspielen, und Wim Wenders hat hier im Wettbewerb um den Goldenen Löwen seinen ebenso fordernden wie eleganten, spröden wie faszinierenden Beitrag „Les Beaux Jours d’Aranjuez“ vorgestellt, in dem zwei Schauspieler, die von einem fiktiven Autor erfunden werden, auf der Terrasse eines Sommeranwesens 90 Minuten über die Liebe sprechen, manchmal auch philosophieren. Und wo eine Jukebox ebenso eine Hauptrolle hat wie Nick Cave einen kurzen Auftritt, das Ganze verfasst von Wenders’ Freund und fünfmaligem Kollaborateur Peter Handke. 
„Peter und ich kommunizieren selten Angesicht zu Angesicht“, verrät Wenders im Gespräch, „das meiste läuft über schriftliche Kommunikation. Peter ist ein großer Freund handgeschriebener Briefe“. Genau in dieser Façon ist auch „Les Beaux Jours d’Aranjuez“ abgefasst, es ist tief in die Materie eintauchendes Kino voller brillanter (französischer) Dialoge und großartig einfacher 3D-Bilder, genau da, wo man dachte, das Medium würde sich dafür gar nicht lohnen. Aber gerade hier, im Dialog zweier Menschen, macht die Tiefenwahrnehmung endlich wirklich Sinn - sie ist die wahrhaftige Entsprechung zu Wenders’ und Handkes Gedankenwelt. Sie reflektiert eine unbedingte Natürlichkeit im Sehen auf uns und um uns.
Ganz andere Pfade der Erzählkunst beschreitet François Ozon in seinem neuen Film „Frantz“, ein Post-Weltkriegsdrama, das Anfang der 1920er Jahre spielt. Ein junger Franzose (Pierre Niney) sucht die deutschen Eltern und die Verlobte (Paula Beer) des im Krieg gefallenen Frantz auf und verschafft den Angehörigen Kraft mit seinen Erzählungen über die Freundschaft, die er und Frantz vor dem Krieg hegten. Jedoch gesellt sich zu dem vorwiegend in schwarz-weiß gedrehten Drama bald ein seltsam nebulöser Unterton hinzu, der fast hitchcockhafte Züge aufweist und dessen Wendung zur Filmmittte für Überraschungen sorgt. Ozon nennt als Inspiration für den Film unter anderem auch Hanekes „Das weiße Band“. Einerseits, weil beide Filme - ganz auf ihre Weise - die aufkeimenden Extremismen des frühen 20. Jahrhunderts aufarbeiten, andererseits, „weil meine Produzenten erst dann von meinem Plan überzeugt waren, in Schwarzweiß zu drehen, als sie erkannten, dass Haneke damit großen Erfolg hatte“. Jedenfalls ist „Frantz“ spannendes, hervorragend gespieltes Ozon-Kino in Reinkultur: Dieser Franzose wusste immer schon, wie man mit scheinbar simplen dramaturgischen Tricks packende Geschichten erzählt, die Niveau und Unterhaltung gleichermaßen bieten.
Tom Ford wiederum zeigt in seiner zweiten Regiearbeit „Nocturnal Animals“, dass der Modeschöpfer auch außerhalb seines Metiers das Inszenieren beherrscht. Er erzählt von einer Galeristin (Amy Adams), die das Roman-Manuskript ihres Ex-Mannes erhält und in dessen Geschichte über eine Familie, bei der Frau und Tochter im Urlaub entführt und getötet werden, hineinkippt. Sie erfährt dadurch einige unbequeme Wahrheiten aus ihrer eigenen Vergangenheit. Fords Verfilmung des Romans „Tony & Susan“ von Austin Wright handelt auch von verpassten Chancen und gießt diese Wehmut in edle Bilder, nichts anderes hätte man von einem Designer erwartet.

Außerhalb des Wettbewerbs war sich Ulrich Seidl der Gunst von Kritik und Publikum sicher wie selten zuvor: Mit seiner Doku „Safari“ über die Daseinsberechtigung von touristischer Großwildjagd in Afrika erntete er viel Beifall und gute Kritiken. Nur wenige Zuschauer verließen das Kino bei der Premiere an der Stelle, als einem Zebra und einer Giraffe das Fell abgezogen wird, der Rest blieb aber bis zum Schluss. Seidl hat im Übrigen hier vor zwei Jahren das katholische Italien arg brüskiert, als bei „Paradies: Glaube“ eine derbe Onanie-Szene mit einem Christuskreuz zu einer Anzeige führte. Venedig ist offensichtlich ein guter Boden für religiös motivierte Filme, das sieht man auch heuer: Paolo Sorrentino zeigte seine neue TV-Serie „The Young Pope“ über den ersten fiktiven US-Papst, gespielt von Jude Law. Als streng gläubigen Verfechter ultrakonservativer Christen lud man Mel Gibson ein, sein Kriegsdrama „Hacksaw Ridge“ zu zeigen. Der Hollywoodstar gelobte in Venedig, jeden Tag artig zu beten. Und „Jesus VR - The Story of Christ“ ist nach Vorstellung der Produzenten der erste Virtual-Reality-Spielfilm, bei dem man als Zuschauer das Gefühl hat, bei Geburt und Tod von Jesus Christus direkt dabei zu sein. Es ist zweifelhaft, ob so die Zukunft des Kinos aussehen sollte.
Aber Venedig hat auch andere Seiten: Am Dienstag hat hier eine Doku über den angeblich bekanntesten männlichen Pornostar Premiere: „Rocco“ folgt der Karriereleiter des „Italian Stallion“ Rocco Siffredi. Er ist die Antwort auf alles, was man diesen harten Zeiten Aufrechtes entgegenzusetzen vermag.

(Auch in der WZ erschienen)

Sonntag, 4. September 2016

Der Papst raucht und trinkt Cherry Coke Zero

In Venedig hatten die ersten Folgen von Paolo Sorrentinos Fernsehserie „The Young Pope“ Premiere.

Von Matthias Greuling, Venedig

Weil ihm danach ist, lässt er den Petersdom kurzerhand für die Touristenmassen schließen und sich eine Privatführung geben. Er raucht bei jeder Gelegenheit, ordert zum Frühstück Cherry Coke Zero und amerikanischen Filterkaffee und hält sich in den vatikanischen Gärten ein Känguru. Er zwingt den Beichtvater der Kardinäle, ihm deren Sünden zu erzählen und verwendet sein Wissen über homosexuelle Neigungen oder spezielle sexuelle Phantasien (etwa mit der Venus von Willendorf!) gegen seine Kritiker. Bei seiner ersten Rede am Balkon des Petersdoms zeigt er sich den abertausenden Gläubigen nur spätabends, verbirgt sein Gesicht, verbietet, dass er fotografiert oder gefilmt wird. 
Jude Law (Foto: Katharina Sartena)

Papst Pius XIII ist nicht gerade der Prototyp des sanften, gottgefälligen Oberhauptes, das die katholische Kirche in die Moderne führen wird. Doch gerade das macht die Hauptfigur der neuen HBO-/Sky-Serie „The Young Pope“ so spannend. Dass die zehnteilige Mini-Serie, geschaffen und verfilmt von dem italienischen Drehbuchautor und Regisseur Paolo Sorrentino, aktuell bei den Filmfestspielen von Venedig, dem Mekka tausender Cineasten aus aller Welt, gezeigt wird, wäre vor noch wenigen Jahren ein Sakrileg gewesen. Doch seit dem Boom hochwertiger Fernsehserien kommt keines der A-Festivals mehr ohne sie aus. Und dies im aktuellen Fall durchaus zurecht, wie die ersten beiden am Lido gezeigten Folgen von „The Young Pope“ beweisen: Oscarpreisträger Sorrentino („La grande bellezza“) erzählt die Geschichte des ehemaligen Waisenjungen Lenny Belardo, der im Alter von nur 47 Jahren zum ersten (fiktiven) amerikanischen Papst gewählt wird, in einer Mischung aus Thriller und Drama, gewürzt mit schwarzem Humor. Sorrentinos Lenny Belardo ist ein zwiespältiger Charakter: Er ist Machtmensch, erzkonservativ, verfügt über eine angsteinflößende und zugleich anziehende Arroganz. Dabei ist der neue Papst so misstrauisch, dass er nicht einmal seiner ehemaligen Ziehmutter, der alten Nonne Mary (Diane Keaton) vertraut, hinter jeder Ecke einen potentiellen Feind vermutet und mit aller Härte gegen (vermeintliche) Verräter vorgeht. Aber Belardo hat auch schwache Momente - etwa, wenn er seinen geistigen Mentor Kardinal Spencer (James Cromwell) weinerlich wie ein kleiner Junge darum bittet, ihm seine erste Rede als Papst zu schreiben. 
„Genau diese Vielschichtigkeit“, so Jude Law bei der Pressekonferenz am Lido, „ist es, was mich an der Figur interessiert hat. Er hat so viele Seiten, ist eine spannende Person und ein Mann, der sich nicht fassen lässt. Er giert nach Macht und tut vieles, um sie zu bekommen. Aber er ist auch sehr direkt und sagt Menschen immer ins Gesicht, was er was er über sie denkt. In gewisser Weise gibt es da Parallelen zu dem Leben eines Hollywoodstars: Auch da gibt es diesen Zwiespalt zwischen der öffentlichen und der privaten Person.“ 

Was hat es für den britischen Charakterdarsteller bedeutet, das Oberhaupt der katholischen Kirche und den geistigen Führer von mehr als einer Milliarde Menschen zu spielen? Law betont, dass gerade das anfangs seine größte Sorge war, Regisseur Sorrentino diese ihm aber durch lange Gespräche genommen hätte: „Paolo hat mir gesagt, dass ich den Papst vergessen und stattdessen Lenny Belardo spielen soll. Ich habe mich also intensiv mit Lennys Vergangenheit befasst und versucht das umzusetzen.“ Das ist dem Briten definitiv gelungen, hat man solch eine überzeugende und lange nachwirkende Darstellung eines Gottesmannes in Film und Fernsehen schon lange nicht mehr gesehen.

(Auch in der WZ erschienen)

Vikander und Fassbender im Wohnwagen

Alicia Vikander und Michael Fassbender sind das neue Traumpaar Hollywoods. Dumm nur, dass sie es nicht zeigen (dürfen). 

Von Matthias Greuling, Venedig

Manche „Interviews“ sind bei Filmfestspielen längst keine solchen mehr, sondern streng organisierte PR-Veranstaltungen. Alicia Vikander und Michael Fassbender sind hier am Lido von Venedig, um ihren Film „The Light Between Oceans“ vorzustellen - und mit ihnen eine ganze Entourage an PR-Leuten, an Stylisten, Beratern, „Publicists“ und sonstigen Menschen, die sich wichtig fühlen. Das ist zwar bei jedem halbwegs zugänglichen Film so, in dem Stars mitspielen, aber in diesem ganz besonderen Falls gibt es einiges zu beschützen vor den gierigen Presse-Vertretern, denn schließlich will ja niemand, dass einem die „Bild“ oder der „Blick“ oder die „Gala“ hinterrücks eine drüberzieht. Paranoia hat bei diesem Filmfestival von Venedig einen besonderen Stellenwert, nicht nur in Bezug auf den Terrorismus, der dem Lido starke Polizeipräsenz mit schwerer Bewaffnung beschert hat. Nein, auch das private Wohl der Stars will geschützt sein.
Michael Fassbender mit Alicia Vikander (Foto: Katharina Sartena)
Dazu muss man die Brisanz, die hinter „The Light Between Oceans“ steckt, erst einmal kennen. Als dieser Film in der Einsamkeit einer Mini-Insel in Neuseeland vor zwei Jahren gedreht wurde, und zwar unter der Regie von Derek Cianfrance, da war die Crew so klein, dass sich zwischen Vikander, der burschikosen Schwedin, und Fassbender, dem hünenhaften Iren, eine Romanze entwickelte, die zu einer Beziehung wurde und bis heute anhält. Dazwischen gelang sowohl ihm als auch ihr ein kometenhafter Aufstieg in der jeweiligen Karriere - und Vikander krönte sie heuer sogar mit einem Oscar für „The Danish Girl“. Seither sind Journalisten und Fotografen hinter den beiden her, als gäbe es kein Morgen. 
Worüber sich PR-Menschen eigentlich freuen sollten - nämlich, dass hier in Venedig im Wettbewerb eines künstlerisch dominierten Festivals ein neuer Film seine Premiere erlebt, dessen Hauptdarsteller zufällig gerade zum privaten Traumpaar Hollywoods geschrieben werden und dieser Umstand millionenschwere Werbekampagnen überflüssig machen kann - versetzt sie stattdessen sichtlich in helle Panik.
Die Journalisten bei den Interviewrunden werden dazu angehalten, nicht nur ihre Meinung über den Film schriftlich vor Beginn der Interviews abzugeben, sondern sollen auch Vereinbarungen unterzeichnen, dass diese Interviews nur für ein Medium, nur einmal und nur zum Filmstart veröffentlicht werden dürfen. Keine neue Taktik im Kontrollwahn der PR-Branche über den Journalismus - und schon immer der Tod freier Schreiber und all jener, die gerne kritisch sind. Weshalb man solche Dokumente prinzipiell nicht unterzeichnet.
Wieso auch? Die hübsche Vikander und der smarte Fassbender sagen sowieso nur das, was sie gerne sagen wollen, egal, wie die Frage lautet. Dahinter steckt ein weiterer Schachzug der PR-Branche: Ein allgemeines Briefing der Beteiligten soll missverständliche Aussagen verhindern und eine möglichst einheitliche Berichterstattung sicherstellen - natürlich eine positive. Journalisten, die dem nicht folgen, könnten beim nächsten Mal vielleicht eben auf die schwarze Liste gesetzt werden, und führen ohne Interview nach Hause.
Dass Vikander und Fassbender in unserem Gespräch erzählt haben, wie glücklich sie nicht bei den Dreharbeiten in der Natur waren, wie toll der Drehort nicht gewesen ist, wie unglaublich der Erfolg ist, den sie gerade haben und wie geschmeidig man sich in historischen Kostümen doch in eine Figur einfühlen kann, dafür hätte man diese Interview-Tortur bei 34 Grad in unklimatisierter Mittagshitze nicht hinnehmen müssen. Ein Blick ins Presseheft hätte genügt, oder auch: Einfach den New Yorker Kollegen anrufen, dem haben sie ein paar Tage davor nämlich dasselbe erzählt.
Spannende Geschichten entstehen auf diese Weise jedenfalls nicht. Und private Fragen werden generell von vornherein umschifft, auch wenn sie wie hier direkt mit dem Film zu tun haben. Vor vorgeschalteten PR-Agenturen, die ihre unsanft übergestülpten Konzepte über ihnen anvertraute Filmproduktionen bringen, sollte gewarnt werden. Dem Film nutzt das nämlich nicht. 
Auf ihrem ersten gemeinsamen roten Teppich tauschte das Traumpaar Vikander-Fassbender folgerichtig ebenfalls keinerlei Zärtlichkeiten aus. Man verhielt sich wie professionelle Kollegen das eben tun, zwar herzlich, aber respektvoll, zurückhaltend. Privat bleibt privat. Das ist auch gut so. Wenn das ganze nur nicht so inszeniert ausgesehen hätte. 
Aus irgendeinem Grund befürchten die PR-Experten nämlich, dass die Liebe, die man in „The Light Between Oceans“ auf der Leinwand sieht, zu wenig gespielt (oder: zu echt) aussieht. Das Kino ist nun einmal eine Illusionsmaschine, und diesen Satz würden sogar wir unterzeichnen. Aber es darf keine Lüge sein, doch der Grat dieses heiklen Balanceakts ist eben schmal.

Vikander und Fassbender zogen am selben Tag übrigens noch weiter nach Paris, zur nächsten PR-Veranstaltung. Dort sollen sie auch noch gesagt haben, wie toll es war, mit einer solch kleinen Crew zu drehen und es sich Abends im Wohnwagen bequem zu machen. Waren ja dann doch ein paar romantische Worte dabei. 

(Auch in der WZ erschienen)

Samstag, 3. September 2016

Tom Ford: "Stil ist nicht alles"

Modeschöpfer Tom Ford zeigt im Wettbewerb beim Filmfestival von Venedig seine zweite Regiearbeit „Nocturnal Animals“.

Von Matthias Greuling, Venedig

Sieben Jahre ist es her, dass Tom Ford bei den Filmfestspielen von Venedig sein Spielfilmdebüt gab. Für sein visuell ansprechendes und sensibel erzähltes Männerportrait „A Single Man“ wurde der Modedesigner 2009 von den Kritikern gefeiert, Hauptdarsteller Colin Firth mit dem Coppa Volpi für den besten Schauspieler geehrt. Jetzt ist Ford an den Lido zurückgekehrt, um im Wettbewerb des ältesten Filmfestivals der Welt sein neues Werk vorzustellen. 
Tom Ford (Foto: Katharina Sartena)
Wie schon „A Single Man“ ist auch „Nocturnal Animals“ eine Literaturverfilmung, basierend auf dem Roman „Tony and Susan“ von Austin Wright, wenngleich diesmal eine Frau im Mittelpunkt der Geschichte steht: Susan (Amy Adams) ist eine erfolgreiche Galeristin, in zweiter Ehe unglücklich verheiratet mit einem sie betrügenden Gatten. Eines Tages erhält Susan von ihrem Ex-Mann Edward (Jake Gyllenhaal) per Post ein Manuskript seines neuesten Buches mit dem Titel „Nocturnal Animals“. Darin wird die Geschichte des Mathematikprofessors Tony erzählt, der Frau (Isla Fisher) und Tochter auf einer Autoreise durch Texas durch ein entsetzliches Verbrechen verliert. Je mehr Susan in die Geschichte eintaucht, desto mehr erkennt sie darin ihre eigene dunkle Vergangenheit wieder.
„In diesem Film“, so Tom Ford in Venedig, „steckt viel von mir selbst drin. Ich bin in Texas aufgewachsen und weiß, wie die Menschen dort sind. Und ähnlich wie der sensible Tony war auch ich keiner dieser typisch männlichen Texas-Männer.“ Der 55-Jährige zeichnet nicht nur für die Regie sondern auch für das Drehbuch verantwortlich, hat die in den 1930er Jahren angesiedelte Romanvorlage allerdings für die Kinoleinwand adaptiert: „Die für mich wichtigen Themen waren Loyalität und das Brechen von Herzen, was passiert, wenn man von Menschen, die man liebt, enttäuscht wird. Denn das ist schließlich ein Gefühl, das jeder von uns kennt.“
Wie schon Fords Regiedebüt überzeugt auch sein zweites Werk durch eine bestechende optische Umsetzung und einprägsame Bilder. Dennoch ist „Nocturnal Animals“ streckenweise zu konventionell erzählt. Rache, gebrochene Herzen, Einsamkeit, kulturelle Übersättigung der modernen Gesellschaft – alles Themen, die Ford in seinen Film packt, sie dabei aber meist nur streifen kann. Dennoch schafft es „Nocturnal Animals“, mit seinen beiden Hauptdarstellern zu überzeugen. So glänzt Amy Adams in der Rolle einer Frau, die vor einem radikalen Wechsel ihres Lebens steht und Jake Gyllenhaal ist ein berührender Antiheld, der durch seinen Roman an seiner Ex-Frau späte Rache nimmt.

Kameraeinstellungen, Farben, Formen, Kleidung – Elemente, die auch in Tom Fords zweitem Film eine dominante Rolle spielen, wenngleich eine deutlich geringere als in „A Single Man“. Der Designer und Regisseur bestreitet, dass Stil bei ihm immer Vorrang hat: „Nur, weil ich Modeschöpfer bin, steht das Visuelle bei mir nicht über allem. Es ist mir wichtig, ja – aber in erster Linie soll es die Geschichte unterstützen und etwas transportieren.“ Ab 10. November können sich heimische Kinogeher davon ein Bild machen, ob Ford das gelungen ist.

(Auch in der WZ erschienen)

Freitag, 2. September 2016

"Arrival": Mysteriöse Zukunft

„Arrival“ von Denis Villeneuve lief im Wettbewerb von Venedig. Hauptdarstellerin Amy Adams findet gut, nicht alles zu wissen, was kommt.
Amy Adams, Jeremy Renner (Foto: Katharina Sartena)

Aliens, die auf die Erde kommen und der Menschheit damit mehr oder weniger Freude bereiten – eine Thematik, an der sich Hollywood in den vergangenen Jahrzehnten durchaus, und dies in höchst unterschiedlicher Qualität, abgearbeitet hat. Dass es auch in diesem Genre durchaus noch Neues zu entdecken gibt, beweist bei den Filmfestspielen von Venedig aktuell der Wettbewerbsfilm „Arrival“. In der Verfilmung der Kurzgeschichte „Story of Your Life“, von Science-Fiction-Autor Ted Chiang, landen zwölf Raumschiffe an den unterschiedlichsten Orten der Erde, versetzen die Menschen in Panik, führen zu Plünderungen und Aufständen. Um Kontakt mit den unbekannten und sich friedlich verhaltenden Wesen aufzunehmen, engagiert das US-Militär die renommierte Linguistin Louise Banks (Amy Adams). Die zahlreiche Sprachen sprechende Wissenschafterin soll herausfinden, was genau die Aliens, die sich die ganze Zeit über in ihren Raumschiffen verstecken, genau wollen. An ihrer Seite: der Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner). Doch das erste Zusammentreffen mit den fremden Wesen erweist sich als schwierig, verwenden sie doch statt Sprache unbekannte Zeichen, um ein Vielfaches komplexer als jede nur erdenkliche bekannte Sprache. Hinzu kommt, dass immer mehr Staaten die neuen Wesen mit Waffengewalt vertreiben möchten – und niemand weiß, wie diese darauf reagieren werden. Im Zuge der Recherchen zur Bedeutung der Symbole wird Louise intensiv mit ihrer eigenen schmerzvollen Familiengeschichte und dem größten Verlust ihres Lebens konfrontiert. 
Anders als die meisten cineastischen Aliengeschichten geht es in dem spannenden und visuell ansprechenden Film von Regisseur Denis Villeneuve („Sicario“) nicht um den Kampf Mensch gegen Alien, sondern um Kommunikation, Verständnis und Akzeptanz. In langen, mehr an einen klassischen Krimi denn an einen Thriller erinnernden Sequenzen wird die Frage nach der Botschaft der Außerirdischen zum zentralen Handlungselement – und wie Louise, von Adams überzeugend und mit großer Tiefe verkörpert, mit ihnen sprachlich und visuell in Kontakt tritt. 
Für die in Venedig frenetisch beklatschte Hauptdarstellerin ist „Arrival“ nicht nur ein Film über Kommunikation, sondern auch einer über eine liebende Mutter: „Ich bin selber Mutter und weiß nur zu gut, was dieses ganz besondere Band zu einem Kind bedeutet. Deshalb hat mich das Drehbuch schon nach den ersten Zeilen angesprochen und ich wollte diese Rolle unbedingt spielen“, meint Adams im Gespräch. 

Das Wissen um die eigene Zukunft und der Umgang damit, ein ebenfalls zentraler Bestandteil des Films, sind Fähigkeiten, die die 42-jährige Amerikanerin keinesfalls besitzen möchte, würde es ihr doch all zu viel Angst machen: „Es ist nun einmal so, dass das Leben auch seine Schattenseiten hat und die Zukunft nicht immer rosig ist. Denn jeder von uns wird mit Verlust und Trauer konfrontiert. Und das sind Dinge, die ich nun wirklich nicht vorab erfahren wollen würde. Keine von uns kann sagen, was die Zukunft bringen wird, und gerade deshalb müssen wir auch im Moment leben und ihn so intensiv wie nur möglich genießen.“

Matthias Greuling, Venedig

(Auch in der WZ erschienen)

Donnerstag, 1. September 2016

"La La Land": Einfach und schön

„Musicals sind simpel, sie sind da zum Träumen“, findet Regisseur Damien Chazelle, der mit „La La Land“ das Filmfestival von Venedig eröffnete

Mit dem Musical „La La Land“ des jungen US-Regietalents Damien Chazelle („Whiplash“) haben die 73. Filmfestspiele von Venedig begonnen - und Festivalchef Alberto Barbera hat damit ein bisschen auch die Devise dieser Filmschau ausgegeben, die traditioneller und geschichtsbewusster mit dem Filmschaffen umgeht als andere A-Festivals. Venedig ist das älteste Filmfestival der Welt und hat darob auch eine Verantwortung der Filmgeschichte gegenüber. Weshalb man hier - nach Barberas Verständnis - am besten auch immer wieder Filme zeigt, die vollgestopft sind mit Referenzen an die Filmhistorie. „La La Land“ ist so ein typischer Venedig-Film, der Kitsch und Glamour mindestens ebenso abfeiert wie er mit großer Ernsthaftigkeit eine dramatische Liebesgeschichte durchdekliniert. Emma Stone und Ryan Gosling spielen zwei darbende Künstler im zeitgenössischen Los Angeles: Sie erfolglos als Schauspielerin, die von Vorsprechen zu Vorsprechen nur mehr noch frustrierter wird. Tagsüber jobbt sie im Café auf dem Studiogelände von Warner Bros. Das ist in Hollywood kein Einzelschicksal. 
Emma Stone mit Fans (Foto: Katharina Sartena)

Er ist ein dem Jazz verfallener, begnadeter Pianist, dessen einstige Arbeitsstätte, ein Jazzclub, durch einen Samba-Tapas-Laden ersetzt wurde. Also Samba aus dem Lautsprecher und Tapas für das leibliche Wohl. „Der Jazz stirbt“, ist seine schlüssige Diagnose.
„La La Land“ würde seine musikalischen Einlagen mit den überaus exakt und diszipliniert agierenden Akteuren Stone und Gosling gar nicht brauchen, um seine nahe am Kitsch und am Wasser gebaute Geschichte überzeugend zu erzählen, und doch sind es die Musical-Elemente, die Chazelles Hommage an die großen Zeit der Filmmusicals so richtig lebendig werden lassen. Stepptanz über den Hügeln von Los Angeles zur blauen Stunde oder eine perfekt choreografierte Eröffnungssequenz mit Tanz auf einer durch Stau lahmgelegten Autobahn sind in sich geschlossene Highlights des Films. Angenehm ist, dass Chazelle seine Referenzen an die gute, alte Zeit nicht zum Teil der Handlung per se macht, sondern stets im Heute bleibt; dadurch hat man nie das Gefühl, das „schon einmal gesehen zu haben“, sondern wohnt tatsächlich einer Novität bei: Ein stilistisch überhöhtes Musical im prinzipiell bodenständigen Milieu zunächst gescheiterter Künstler ist ein Balanceakt, der auch peinlich sein könnte. Dank der grandiosen Besetzung bleibt Chazelle das aber trotz so manch dick aufgetragener Szene erspart.

Nach Venedig an den Lido kam zur Premiere neben Chazelle nur Hauptdarstellerin Emma Stone, denn Ryan Gosling war am Set zur Neuauflage von „Blade Runner“ unabkömmlich. Die anwesenden Touristen und Fans hat’s nicht gestört - für sie zählte am Eröffnungsabend die Feierstimmung, mit der die Mostra del cinema begann. Dass es im Hintergrund zahllose verschärfte Sicherheitsmaßnahmen gab - von Durchfahrtssperren bis hin zu Hunderten Polizisten mit schusssicherer Weste und schwerer Bewaffnung - ist den meisten Gästen gar nicht aufgefallen - und auch beim Einlass der Gäste, der Presse und der Fotografen kam es kaum zu den vorab angekündigten nennenswerten Verzögerungen. Das könnte auch daran liegen, dass sich hier der Trend der letzten Jahre fortsetzt - und immer weniger Gäste an den Lido kommen. Sieht man sich das Filmprogramm der kommenden Tage an, das mit Werken von Wim Wenders, Francois Ozon, Denis Villeneuve, Mel Gibson, Pablo Larrain, Paolo Sorrentino oder Andrei Konchalovsky gespickt ist, steht zumindest fest: An den Filmen kann es heuer nicht liegen.

Matthias Greuling, Venedig

(Auch in der Wiener Zeitung erschienen)