Montag, 9. September 2013

Venezig 2013: Sacro GRA und die Zeichen des Stillstands



Ein Leben an der Autobahn ist ein Leben an einem Nicht-Ort: Auf Stelzen steht sie da, Zubringer winden sich an ihr hoch, das konstante Rauschen zeugt von der Geschäftigkeit ihrer Benutzer. Doch auch ein Nicht-Ort kann Heimat sein. Das zeigt Gianfranco Rosi in seinem Dokumentarfilm „Sacro GRA“, dessen Schauplätze am gleichnamigen Autobahnring von Rom liegen; Rosi gewann damit als erster Italiener seit 15 Jahren in Venedig den Goldenen Löwen für den besten Film - und das in jenem Jahr, in dem erstmals auch Dokus im Wettbewerb gleichrangig mit Spielfilmen konkurrieren durften.
"Sacro GRA" (Foto: La Biennale di Venezia)
„Sacro GRA“ ist eine mürbe aber auch skurrile Betrachtung von Menschen, die an der Autobahn leben; Rosi spürt sie mit Akribie auf und begleitet sie ein Stück weit ihres Weges. Es ist eine ungewöhnliche Entscheidung, die die Jury unter dem Vorsitz von Bernardo Bertolucci hier getroffen hat, und doch geht sie in Ordnung. Denn die unzusammenhängenden Sequenzen sind nicht nur Abbild von Heim und Heimat, sie findet auch allerlei Lebensrealität, die man vom (narrativen) italienischen Kino kaum mehr gewöhnt ist: Dort ist oft alles schrill, laut, opulent und betont lebensbejahend; doch das Land steckt in einer Krise, und das fängt Rosi mit seiner Kamera – bewusst oder unbewusst – mit ein: Ein Kaleidoskop der Befindlichkeiten einer Nation, die es sich nicht mehr leisten kann, mit stolz geschwellter Brust ihren Patriotismus zur Schau zu stellen.
Das Filmfestival von Venedig hat das zu seiner 70. Jubiläumsausgabe auch gezeigt: Am Lido von Venedig gab es keine Feuerwerke, keine rauschenden Feste und auch keine übertriebene Beflaggung. Stattdessen übte man sich in Understatement – um es positiv auszudrücken. Die Asbest-Grube vor dem Casino, an der ein neuer Palazzo del Cinema hätte entstehen sollen, klafft auch drei Jahre nach dem Aushub unverändert, die Infrastruktur wird von Jahr zu Jahr schwächer, das Interesse der internationalen Medien schwindet, auch wegen der Konkurrenz des Festivals in Toronto. Venedig verlässt sich auf sein attraktiv-morbides Ambiente - doch das ist auf Dauer zuwenig für ein A-Filmfestival.
"Sacro GRA" (Foto: La Biennale di Venezia)
Bei den übrigen Preisträgern dominierte noch einmal Italien: Als beste Darstellerin wurde die 82-jährige Elena Cotta geehrt, der dazugehörige Film „Via Castellana Bandiera“ entwirft ein hysterisch-turbulentes Gesellschaftsporträt Italiens. Eigentlich hatte man mit einem Preis für Judi Dench in Stephen Frears’ Drama „Philomena“ gerechnet, in dem sie eine Frau spielt, die erst Jahrzehnte nach der von irischen Klosterschwestern erzwungenen Adoptionsfreigabe für ihren unehelichen Sohn nach dessen Verbleib zu fragen traut. Für „Philomena“ gab es letztlich nur den Drehbuchpreis. Bester Darsteller wurde Themis Palou in „Miss Violence“, einem griechischen Inzestdrama, für das auch der 36-jährige Alexandros Avranas als bester Regisseur ausgezeichnet wurde. In Ordnung gehen auch die Preise für Thai-Chinesen Tsai Ming Liang für dessen wortkarges Drama „Stray Dogs“ über die Tristesse von Tagelöhnern in asiatischen Großstädten und der Spezialpreis der Jury für den Deutschen Philip Gröning und sein sprödes Beziehungsdrama „Die Frau des Polizisten“; ein Film, der lange nachwirkt - verhandelt er in 59 Kapiteln und überzogener formaler Strenge doch die unglaublichen Qualen häuslicher Gewalt.
Alberto Barbera, dieser stets elegant gekleidete Herr, der seit zwei Jahren die Mostra del Cinema leitet, hat keine schlechte Auswahl für seinen Wettbewerb getroffen. Zu den Höhepunkten gehörten die Arbeiten von Xavier Dolan („Tom a la ferme“), die Donald Rumsfeld-Doku „The Unknown Known“ von Errol Morris oder die Beziehungsstudie „La jalousie“ von Philippe Garrel. Allein: Der Glanz des Festivals verblasst mehr und mehr, solange sich hier strukturell nichts ändert. Es herrscht Stillstand an diesem historischen Ort, ganz im Gegensatz zur immerwährenden Bewegung des Verkehrs auf dem Nicht-Ort der römischen Stadtautobahn GRA.
Matthias Greuling, Venedig


Freitag, 6. September 2013

Venedig ist kein Griff ins Klo

Wer glaubt, Venedig wäre als dienstältestes Filmfestival der Welt (es begeht dieses Jahr seine 70. Ausgabe) um Jubelstimmung versucht, der irrt. Am Lido von Venedig gibt es keine Feuerwerke, keine Bankette, keine rauschenden Feste und auch keine übertriebene Beflaggung. Stattdessen übt man sich in Understatement – um es mal positiv auszudrücken. Niemand hier scheint das Jubiläum wirklich ernst zu nehmen; die Asbest-Grube vor dem Casino, an der ein neuer Palazzo del Cinema hätte entstehen sollen, klafft auch drei Jahre nach dem Aushub unverändert, das Interesse der internationalen Medien schwindet (auch wegen Toronto) zusehends und die venezianische Stadtpolitik tut so, als ginge sie ihr Aushängeschild in Sachen Filmkunst nichts an: Touristenströme am Markusplatz und vollgestopfte Busse zu den Stränden am Lido sind einträglicher als das Kunstkino der Mostra del cinema.

Allein: Alberto Barbera, dieser adrette Herr, der die Mostra seit zwei Jahren leitet, hat inmitten des unspektakulärer werdenden Settings seiner Filmschau einen ansehnlichen Wettbewerb zusammengetragen, der sich wahrhaft sehen lassen konnte. Denn dass die (infra-)stukturellen Schwächen des Festivals sich normalerweise auch im Programm niederschlagen, trifft diesmal zumindest nicht zu.
"La Jalousie" von Philippe Garrel (Foto: La Biennale di Venezia)
Das hat auch damit zu tun, dass Barbera nicht auf Effekthascherei bei Filmen setzt und somit relativ leicht jeden Griff ins Klo vermeiden konnte. Im Gegenteil: Auch als spröde bekannte Filmemacher zeigen hier neue Werke voller Anmut, voller neuer Ideen, oder zumindest voller dramaturgischer Reife. Philippe Garrel zum Beispiel. Der hat mit „La jalousie“ (Die Eifersucht) ein zwar kurzes, aber famoses Schwarz-weiß-Abstrakt über das (Miss-)Trauen in der Liebe gedreht, das ebenso unspröde wie geerdet daherkommt: Garrels Sohn Louis spielt einen Kindsvater, dessen neue Freundin ihn betrügt, auch, weil sie selbst ihrer rasenden Eifersucht ihm gegenüber Luft machen will. Es ist ein französischer Film, wie er im Lehrbuch stehen könnte, mit Beziehungsgesprächen in der Küche, mit langen Einstellungen, mit intensiven Blicken und mit unprätentiösen Pariser Stadtansichten. Und doch fern jeder Konvention: „La jalousie“ erinnert über weite Strecken an die Filme der Nouvelle Vague, nicht an den sich danach daraus gebildeten Stil französischer Beziehungsdramen. Garrel ist visuell und dramaturgisch radikaler, das macht den Reiz dieser großen Arbeit aus.
Ambivalent mag man zu einer Arbeit stehen, die hier im Wettbewerb als Dokumentarfilm angekündigt war, sich vorderhand aber schnell wie US-Propaganda ausnimmt. „The Unknown Known“ von Errol Morris gibt einem der umstrittensten Kriegsherren unserer Tage breiten Raum zur Selbstglorifizierung: Donald Rumsfeld darf darin beinahe unkommentiert erläutern, warum Bush nach 9/11 den Planeten in Kriege und Chaos stürzte, sei es in Afghanistan oder im Irak, und wieso das alles genau so richtig war; Rumsfeld war (gemeinsam mit Dick Cheney) der Strippenzieher hinter Bush, der die Pläne ausheckte. Bald schon steht er als Mastermind einer US-Weltmachtsfantasie da, die er mit seinem sympathischen Auftreten und seinem telegenen Aussehen wie selbstverständlich weglächelt. Und doch ist diese „Doku“ bei genauerem Hinsehen raffiniert durchtrieben: Genau deshalb, weil sie scheinbar nicht die „richtigen“ Fragen stellt, animiert sie den Zuschauer zu innerer Gegenwehr; Rumsfeld liefert sich selbst mehr und mehr aus, ohne es zu merken; er verbleibt in seinem Duktus des charmanten, aber uneinsichtigen Showman, der – ganz amerikanisch – nie gelernt hat, selbstrefelxiv oder gar selbstkritisch zu sein, und der am Ende bei aufmerksamen Zusehern über diese Überheblichkeit stolpert.
"The Unknown Known" von Errol Morris. (Foto: La Biennale di Venezia)
Formal hoch interessant ist die Arbeit „Die Frau des Polizisten“ des deutschen Regisseurs Philip Gröning. Er verhandelt in 59 Einzelkapiteln und drei Stunden Spielzeit das Schicksal einer Ehefrau und dessen Auswirkungen auf ihre Familie. Die Kapitel sind von unterschiedlicher Länge, machen davon bloße Miniaturen ohne offensichtlichen Sinn, aber zusammen verdichten sie sich zu einem erschreckend detailreichen Bild von häuslicher Gewalt: Die Familie – ein Mann, seine Frau, ein gemeinsames Kind -, die hier im Zentrum steht, gibt nur langsam preis, wie es um sie bestellt ist; wie im echten Leben eben auch, wenn man hinter die Fassaden jahrelang als Vorzeigepaare wahrgenommener Mitmenschen blicken kann.
Auch „Sacro GRA“ von Gianfranco Rosi, ein Dokumentarfilm über die Anwohner der römischen Ringstraße – ein Leben an der Autobahn – überzeugte im Wettbewerb. Die Doku findet allerlei Lebensrealität, die man vom italienischen Kino kaum mehr gewöhnt ist: Dort ist oft alles schrill, laut, opulent und betont lebensbejahend; doch das Land steckt in einer Krise, und das fängt Rosi mit seiner Kamera – bewusst oder unbewusst – mit ein: Ein Kaleidoskop der Befindlichkeiten einer Nation, die es sich eigentlich nicht mehr leisten kann, mit stolz geschwellter Brust ihren Patriotismus zur Schau zu stellen. Die große Asbest-Grube vor dem Casino am Lido ist nur ein Grund dafür.

Matthias Greuling, Venedig

Samstag, 31. August 2013

Venedig 2013: NIGHT MOVES von Kelly Reichardt REVIEW

„Night Moves“ heißt ein Boot, in diesem Film von Kelly Reichardt. Es wird vollgestopft mit einer hochexplosiven Mischung aus Ammoniumnitrat-Dünger und Treibstoff, hernach an der Wand eines Staudamms platziert und in die Luft gejagt. Der Damm bricht, es ist Nacht, niemand soll zu Schaden kommen. Und doch ist es am nächsten Tag Gewissheit: Ein Camper wird vermisst, bald darauf seine Leiche geborgen.

Jesse Eisenberg in "Night Moves". Foto: La Biennale di Venezia
Die Schiffsbombe, sie ist das Werk dreier Umweltaktivisten, die nicht mehr länger zusehen wollen, wie die Amerikaner mit ihren Ressourcen umgehen: Der hydroelektrische Damm, den sie zerstören, erzeugt den Strom, der in Millionen All-American Homes tagtäglich für die permanent laufenden Riesen-Flatscreens verschwendet wird und für die Springbrunnen in den hübsch und kitschig zurecht gemachten Gärten.

Sehr früh in diesem asketisch und doch facettenreich gestalteten Film wird klar, dass die Aktivisten Josh (Jesse Eisenberg), Dena (Dakota Fanning) und Harmon (Peter Sarsgaard) nicht mit der Schuld leben werden können, die sie sich mit ihrer Aktion aufgeladen haben: Dena ist die Schwachstelle im Trio, mit ihr bricht schließlich der emotionale Damm aus Verlogenheit und Tatsachen-Negierung, mit fatalen Folgen für sie.

Kelly Reichardt, die besonders in ihrem letzten Film „Meeks Cutoff“ mit ihrer sparsamen, aber dafür umso effektiveren Inszenierungsweise gefiel, hat in „Night Moves“ ihren Stil perfektioniert. Erneut ging sie für ihre Geschichte von einer Landschaft und ihrer Eigentümlichkeit aus, diesmal aber ist es nicht die Prärie, sondern ein rurales Gebiet, irgendwo im US-Bundesstaat Oregon. Da, wo die Farmer Broccoli und Kürbisse anbauen und von der Welt nicht viel wissen: Für einen Blick ins Internet müssen sie in die Stadt fahren, zur öffentlichen Bibliothek, wo ein Computer steht. Das Setting ist urtümlich, aber doch bedrückend: Die Naturverbundenheit auch dieser Menschen endet beim Dünger, den sie von den großen Nahrungsmittelkonzernen per Vertrag aufgedrückt bekommen, um die Perspektive einer konventionellen Landwirtschaft mit stetig wachsendem Ertrag zu erfüllen.

Das ist zwar niemals Thema in „Night Moves“, jedoch schleicht sich diese Zustandsbeschreibung unserer absurd gewordenen Komfortwelt zwischen Naturausbeutung und Ertragssteigerung in jede Einstellung ein. Reichardt benutzt für das Thema die Charakteristika eines Suspense-Thrillers der alten Schule: Leicht pulsierende Sounds begleiten die Aktivisten vor und nach der Tat; das Unheilvolle liegt in der Luft. Niemals kommen sie zur Ruhe, in dieser von absoluter Ruhe geprägten ländlichen Gegend. Zu schwer wiegt bei Dena das Gewissen, etwas Unrechtes mit Unrecht bekämpft zu haben, und zu kaltschnäuzig ist Joshs Reaktion darauf. Er will für eine große Sache kämpfen, und da gibt es eben Kollateralschäden.

Beachtlich ist, wie mühelos Reichardt auf der Klaviatur des Spannungskinos spielt, ohne je bemüht zu wirken und zugleich dem ausgetretenen Pfad einer klassischen Thriller-Inszenierung ausweicht. Es geht um große, hehre Ziele, um politisch motivierten Aktionismus, der von illegalen Taten befeuert wird; es geht um die Konsequenzen einer tödlichen Tat und um die Kälte, mit der sie ausgeführt wird. Prinzipientreue ist in „Night Moves“ nicht nur Motor und unbedingte positivistische Lebenseinstellung; sie ist auch ein Zustand, der ins Verderben führt.
Matthias Greuling, Venedig

Dienstag, 6. August 2013

Locarno 2013: Kein neuer Weg trotz neuem Chef

Carlo Chatrian (Foto: Festival Locarno)
Vieles, was ein Festival auszeichnet, steht und fällt mit seinem künstlerischen Leiter. Carlo Chatrian ist ein neuer Name auf der recht engen Bühne der internationalen Filmfestivals. Er leitet seit kurzem das Filmfestival von Locarno, das heute Abend mit der US-Actionkomödie „2 Guns“ (mit Denzel Washington und Mark Wahlberg) eröffnet wird. Sein Vorgänger Olivier Père hat es nach drei Jahren im Tessin zu Arte France Cinema gezogen; Père hatte Locarno in seiner kurzen Amtszeit viel Glamour beschert – seine exzellenten Kontakte in Hollywood-Kreisen brachten große Namen wie Daniel Craig oder Harrison Ford hierher. Das ist fürs Erste vorbei: Chatrian ist keiner, der das Kino als Spielstätte des Glamours begreift; lange Jahre schon ist der 42-jährige Italiener Mitarbeiter und Kurator in Locarno. Er gestaltete bisher die Retrospektiven, saß im Filmauswahlkomitee und ist als Filmkritiker, Journalist, Essayist, Buchautor und Programmierer zahlreicher weiterer Filmschauen tätig. Ein Mann, der aus der Filmtheorie kommt, kein Praktiker, sondern einer, der gerne von Vielfalt im Diskurs über das Filmschaffen spricht. Es geht ihm um „die vielgestaltigen Realitäten des Filmschaffens“, nicht um die Quote, nicht um Aufreger, sondern um „Impulse, die dazu anregen, die Welt zu entdecken“, durch die Augen der Filmkamera.
Soweit die Theorie. Chatrian hat potenziellen Skeptikern schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln genommen: Allzu viele Weichenstellungen werde es nicht geben, im Wesentlichen bliebe Locarno eine Filmschau der Entdeckungen und Überraschungen, nur das mit den Stars, das ist Chatrians Sache nicht. Hollywood bleibt in diesem Jahr zuhause,  mit den Alt-Stars Christopher Lee, Jacqueline Bisset  und Faye Dunaway kommen aber doch prominente Namen nach Locarno. Auf der Piazza Grande mit ihrem 8000 Zuschauer fassenden Open-Air-Kino bringt man traditionell die populäreren Filme, darunter die belgisch-deutsche Komödie „Vijay and I“ mit Moritz Bleibtreu, die Jennifer-Aniston-Komödie „We Are the Millers“ oder „Wrong Cops“ mit Marilyn Manson. Brisant dürfte „L’éxperience Blocher“ sein, eine Doku, die den umstrittenen Schweizer Rechts-Politiker Christoph Blocher begleitet. Blocher, sonst kein Fan des Festivals, soll sich zur Premiere des Films am 13. August persönlich angesagt haben.
Im Wettbewerb stehen dieses Jahr 20 Filme aus dem zeitgenössischen Autorenkino, mit neuen Arbeiten von Emmanuel Mouret, Sangsoo Hong, Shinji Aoyama, Thomas Imbach oder Claire Simon. Die Verfilmung von Charlotte Roches „Skandalbuch“ „Feuchtgebiete“ (Regie: David Wnendt) hat es wohl vor allem deshalb in den Wettbewerb geschafft, weil Hauptdarstellerin Carla Juri eine gebürtige Tessinerin ist. Das Thema des Films – von Hämorrhoiden über Analfissuren bis zu ausgefallenen Sexualpraktiken – ist wie geschaffen für einen Aufreger: So ganz an der Quote vorbei kann selbst Carlo Chatrian nicht.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist in einer ausführlicheren Version auch in der "Wiener Zeitung" erschienen.

Montag, 27. Mai 2013

Cannes feiert Kechiche und Léa Seydoux mit der Goldenen Palme

In Frankreich gibt es seit Wochen hitzige Debatten. In Paris gehen Hunderttausende auf die Straßen. In jedem Bus und in jeder U-Bahn, beim Bäcker, in der Kirche und natürlich im Café diskutieren die Menschen derzeit nur ein Thema: Die Homo-Ehe, vom Kabinett Hollande beschlossen, sie darf und kann so nicht kommen. Sagen die einen. Oder eben: Die Homo-Ehe, sie MUSS kommen dürfen. Sagen die anderen.
Kechiche mit seinen beiden Darstellerinnen. Foto: Alexander Tuma
Was das mit dem Filmfestival von Cannes zu tun hat, wenn im Staate der „Egalité“ die Wogen hochgehen? Bei den 66. Filmfestspielen wurde soeben der Film „La vie d’Adèle“ von Abdellatif Kechiche mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Es geht darin um die Liebe zwischen zwei Frauen, mit Sexszenen, die man lange nicht so explizit gesehen hat. Kein flammendes Plädoyer für die gleichgeschlechtliche Liebe, sondern eine ungemein sinnliche Filmerfahrung.
Die Goldene Palme, erstmals also eine politisch motivierte Auszeichnung, wie das die Berlinale so gern tut? Bei genauerer Betrachtung hält dieses Urteil nicht stand.
Steven Spielberg, dem Jury-Präsidenten, hatte man eigentlich nicht zugetraut, dass er diese Palme verleihen würde. Spielberg gilt als Konservativer, was sich in seinen durchwegs prüden Filmen widerspiegelt. Doch bei der Preisverleihung am Sonntag stieg ihm keinerlei Schamesröte ins Gesicht.
„La vie d’Adèle“ folgt der 18-jährigen Adele (Adèle Exarchopoulos), für die es eigentlich klar ist, dass Mädchen mit Burschen ausgehen – bis sie die extrovertierte Emma (Léa Seydoux) kennen lernt, die ihr beibringt, die eigenen Bedürfnisse zu erforschen. „Es ist die Geschichte einer absoluten Liebe zwischen zwei Frauen“, sagt Kechiche.
Wer frühere Arbeiten von Kechiche kennt, etwa „Couscous mit Fisch“ oder den wunderbaren „L’esquive“, der weiß, mit welcher Unmittelbarkeit sich der Filmemacher auf seine Themen stürzt. Er rückt seinen Protagonisten stets nah zu Leibe, um auch wirklich keine Regung in deren Gesichtern zu verpassen. Kechiche erzählt über diese kleinen Details ganz große Geschichten. Die drei Stunden von „La vie d’Adèle“ vergehen wie im Flug; es ist einer dieser Filme, bei denen man möchte, dass sie niemals aufhören.

Das sexuelle Erwachen ist wieder ein großes Thema im Kino, besonders in Frankreich, wo das Lolita-Tum wie nirgends sonst traditionell ganz ohne Scham zelebriert wird. Auch François Ozon hat im Wettbewerb einen Film gezeigt, der sich damit befasst: In „Jeune & Jolie“ folgt er einer 17-Jährigen (Marine Vacth), die sich freiwillig prostituiert, um sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Der Film erregte keine Empörung, wohl aber Ozons Aussage, dass „viele Frauen darüber phantasieren, sich zu prostituieren. Begehrt und benutzt zu werden ist in der Sexualität nichts Neues. Es gibt eine Art von Passivität, nach der Frauen suchen“. Diese Aussagen zogen einen regelrechten Shitstorm in der französischen Presse nach sich. Ozon entschuldigte sich, er sei wohl missverstanden worden.

In Cannes steht dennoch die Filmkunst über dem Politikum, das zeigten die weiteren Preise. Der zweite Film, der sich mit Homosexualität befasste, Steven Soderberghs „Behind the Candelabra“ über den schwulen Las-Vegas-Star Liberace (Michael Douglas) und seinen Lover (Matt Damon), erwies sich als grandios gespieltes, sonst aber recht konventionelles TV-Movie, und blieb ohne Preis. Also keine Tendenz zu einem Polit-Plädoyer.
Der große Preis des Festivals ging an die Brüder Joel und Ethan Coen für „Inside Llewyn Davis“, eine stimmige und launige Auseinandersetzung mit der Folk-Musikszene im New York der 60er Jahre. Als besten Darsteller kürte man den 76-jährige Bruce Dern (Vater von Laura Dern), der in Alexander Paynes Schwarzweiß-Drama „Nebraska“ die Rolle eines zerstreuten Vaters spielt. Als beste Schauspielerin wurde Bérénice Bejo für Asghar Farhadis Ehedrama „Le passé“ ausgezeichnet, bester Regisseur wurde der Mexianer Amat Escalante für seinen Film „Heli“. Der Preis der Jury ging nach Japan an Kore-Eda Hirokazu für „Like Father, Like Son“. Jia Zhangke wurde zurecht mit dem Preis für das beste Drehbuch zu „A Touch of Sin“ ausgezeichnet, ein Film, der die wachsende Gewaltbereitschaft im modernen China nicht beim Regime, sondern bei den Menschen selbst verortet.
Spielberg und seine Jury (der auch Christoph Waltz angehörte) haben sich auf die Filmkunst konzentriert, und es ist bloß Zufall, dass der beste Film dieses sonst durchschnittlichen Wettbewerbs zufällig mit dem Thema Homo-Ehe korreliert. Am Ende bleibt Cannes nämlich das, was es immer war: Ein Festival, das den Film feiert, ein Glamour-Schaulauf, der mit Politik und gesellschaftlichen Tendenzen wenig zu tun haben will. Anders gesagt: In Cannes wird gerne das gefeiert, wogegen man in Paris auf die Straße geht.

Matthias Greuling, Cannes

Dieser Beitrag ist auch in "Die Furche" erschienen.

Samstag, 25. Mai 2013

Cannes 2013: Finale mit Polanski und Jarmusch

Mit den außergewöhnlichen Arbeiten zweier arrivierter Filmkünstler ist am Samstag der Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes komplettiert worden. Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ erwies sich als vielschichtige Vampir-Farce, während Roman Polanski mit „Venus in Fur“ eine simple, aber umso geschicktere Heirat aus Theater und Kino herstellt. Beiden Regisseuren merkt man an, dass sie mit ihrem Kino die Welt nicht (mehr) verändern wollen; sie machen sich fast schon einen Jux daraus, mit den Spielformen des Kinos jovial und durchaus auch trivial umzugehen.

Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ kam als letzter Film in den Wettbewerb von Cannes, sozusagen eine Nachreichung – in einen Wettbewerb, der bis zuletzt auf den großen Wurf warten ließ, den man in Cannes eigentlich erwartet (und auch immer wieder zu sehen bekam). Dieses Jahr kam er nicht.
"Only Lovers Left Alive" von Jim Jarmusch (Foto: Festival de Cannes)
Jarmusch, dessen Ruf als Ausnahmeerscheinung im US-Independentkino von lange zurückliegenden Filmen wie „Stranger than Paradise“, „Down by Law“ oder „Night on Earth“ herrührt, findet mit der skurrilen Geschichte um ein Vampir-Pärchen zu alter Hochform zurück. Zwischen Detroit und Tanger, wo Jarmusch die Handlung ansiedelt, sind der Untergrund-Musiker und Gitarrensammler Adam (Tom Hiddleston) und seine Frau Eve (Tilda Swinton) stets darauf bedacht, ihren Konsum von Menschenblut aus sauberen Krankenhaus-Blutkonserven zu stillen. Man lebt ja schließlich im 21. Jahrhundert, da beißen Vampire keine Menschen mehr zu Tode! Bis Ava (Mia Wasikowska), die junge Schwester von Eve, auftaucht, die sich über einen Freund der Vampire hermacht. „You drank Ian! Get out of my house“, tobt Adam. Familienzank auf Vampirisch.  
Jarmusch inszeniert einen überaus leisen und langsamen Film; nichts hier ist dem vermeintlich zugrunde liegenden (Sub-)Genre des Vampirfilms geschuldet, alles ist ihm diametral entgegengesetzt erzählt, und selten – schon gar nicht im verstaubten „Twilight“ – gab es lässigere Blutsauger. Jarmusch durchsetzt den Film mit unzähligen Anspielungen auf die Film-, TV- und Literaturgeschichte. Wenn Eva ins Flugzeug steigt – sie fliegt mit der „Air Lumière“ – dann nennt sie sich gerne Daisy Buchanan, eine schöne Anspielung auf „Der große Gatsby“. Und weil Vampire ja hunderte Jahre alt werden, gibt es hier sogar einen kurzen Auftritt von John Hurt in der Rolle von Christopher Marlowe, der auf Shakespeare schimpfen darf, weil sämtliche Stücke natürlich von ihm selbst stammten.
Jarmschus „Only Lovers Left Alive“ ist ein leidenschaftliches Traktat über das Außenseitertum; die Vampire sind Metaphern für Ausbrecher aus einer kurzsichtig agierenden Gesellschaft. Der Film will Weitblick, eröffnet ihn aber – auch in seiner musikalischen Untermalung mit etlichen Vinyl-Raritäten – wirklich nur engmaschig eingeweihten Kennern. Und er ist ein Jux, wie auch jener von Polanski.
"Venus in Fur" von Roman Polanski (Foto: Festival de Cannes)
Polanski hat mit „Venus in Fur“ den überraschend launigen Schlusspunkt des sonst mediokren Wettbewerbs gesetzt. Es ist die Adaption von David Ives‘ Boulevard-Stück vom Broadway,  das wiederum auf Leopold von Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ von 1870 basiert, das seinerzeit einen unglaublichen Skandal auslöste: Die Macht- und Unterwerfungsphantasien, die Masoch darin veröffentlichte, begründeten schließlich den Masochismus-Begriff.
Der Theaterregisseur Thomas (Mathieu Amalric) empfängt bei einem Casting widerwillig noch eine letzte Schauspielerin (Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner), um eine selbst verfasste Adaption des Masoch-Buches für die Bühne zu besetzen. Bislang waren alle Kandidatinnen ungeeignet, doch Vanda scheint nicht nur durch ihre perfekte Kenntnis der Rolle wie geschaffen für den Part. In einer ständig zwischen Rollenauslotung und Inszenierung pendelnden Leseprobe lassen sich sowohl Amalric als auch Seigner mehr und mehr in die Figuren der beiden sexuell aufgeladenen Protagonisten fallen, und Vanda kitzelt peu-a-peu Thomas‘ wahre Phantasien aus ihm heraus; Mehr und mehr vermischen sich die Bühnenrollen mit den Persönlichkeiten ihrer beiden Darsteller, und bald wird das Bühnenstück selbst zur sexuellen Obsession. Polanskis Regieeinfälle dazu reichen von der akzentuiert eingesetzten Musik bis hin zur Lichtstimmung auf der Bühne, die Vanda zur Verblüffung von Thomas stets der geprobten Szene anpasst. Kaminfeuer inklusive.
In einer Szene spielt Polanski dann gar auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs an: Vanda macht Thomas des Vorwurf, seine Adaption handle von Kindesmissbrauch. Thomas verteidigt sich: „Ist denn heute alles gleich Kindesmissbrauch? Gibt es gar keine Zwischentöne mehr?“ Bei Polanski klingt das wie Ironie, aber auch wie ein Stück verschämte Selbstkritik.
Wie schon in „Der Gott des Gemetzels“ wahrt Polanski bei der Adaption dieses Stücks ebenfalls die Einheit von Zeit und Ort: Ein Film, der in Echtzeit über eine Pariser Theaterbühne geht; Man mag „Venus in Fur“ schon ab der allerersten Einstellung, in der eine Kamera zu einem Unwetter über einen leeren Pariser Boulevard schwebt, bis sie schließlich die Türen zum Theater aufstößt. Ab diesem Moment beginnt das raffinierte, temporeiche und mit glänzenden Dialogen ausstaffierte Verführungs- und Obsessionsspiel, das bei Polanski gar nicht theaterhaft, sondern überraschend filmisch aussieht.
Ob die Späße der Kino-Altmeister auch auszeichnungswürdig sind? Man wird sehen, wie Steven Spielberg und seine Jury am Sonntag Abend entscheiden werden. Emmanuelle Seigner ist im Wechsel zwischen Schauspielerin und Bühnenfigur allerdings derart souverän, dass man ihr den Darstellerinnen-Preis gönnen würde. Für Jarmusch müsste man einen eigenen Preis erfinden: Jenen für die wohlschmeckendste Blutkonserve.
Matthias Greuling, Cannes
Dieser Beitrag ist auch auf wienerzeitung.at erschienen.

VIDEO: Bernardo Bertolucci im Cannes-Interview

Er war der Regisseur von Skandalfilmen und Meisterwerken: Bernardo Bertolucci, 72, hat Filme wie "1900", "Der letzte Tango in Paris" oder "Prima della Revoluzione" gedreht, und jetzt erscheint sein episches Drama "Der letzte Kaiser" in einer neu gestalteten 3D-Fassung. In Cannes stellte Bertolucci den Film voller Enthusiasmus vor. Ein neues Projekt hat er auch schon im Kopf und im August wird er als Jury-Präsident beim Filmfestival von Venedig fungieren. Bertolucci, der seit einer misslungenen Rückenoperation im Rollstuhl sitzt, empfängt uns gut gelaunt zu einem kurzen Gespräch im Hotel Carlton in Cannes.
 
 
Herr Bertolucci, war es Ihre Idee, "Der letzte Kaiser" als 3D-Version herauszubringen?
Bernardo Bertolucci: Nein, es waren die Produzenten, die auf mich zukamen. Aber ich bin ein großer Fan von 3D-Filmen. Ich wollte ja schon meinen letzten Film ‚Io e te‘ in 3D drehen, aber damals kam das Budget dafür nicht zustande. Außerdem improvisiere ich sehr gerne beim Drehen, und das lässt das 3D-Equipment einfach nicht zu. Es ist zu unflexibel, und jede Einstellung muss millimetergenau geplant werden. Aber ich bin überzeugt davon, dass 3D dem Kino wirklich etwas Neues bringt, wenn man es richtig einsetzt. Die Illusion von Tiefe kann eine weitere Erzählebene sein, die es bisher so nicht gab.
 
Sie haben am Wochenende der Cannes-Premiere von "Der letzte Kaiser 3D" beigewohnt. Wie war das denn für Sie?
Es war toll zu sehen, dass der Film 25 Jahre nach seinem Entstehen wieder zurück auf die Leinwand kommt. An dem Abend, als der Film in Cannes in einem Zeltkino Premiere hatte, regnete es so stark, dass man die ganze Zeit über das Prasseln an der Saaldecke hören konnte. Das hat überraschend gut zu den dramatischen Momenten des Films gepasst. Wir waren dadurch beinahe schon in der vierten Dimension, man spürte den Film regelrecht.
 
Sind Filme wie "Der letzte Kaiser" heute aus der Mode gekommen? Es gibt kaum noch Epen dieses Ausmaßes…
"Der letzte Kaiser" war noch einer dieser großen, epischen Filme, bei denen es Massenszenen mit tausenden Statisten gab. Heute weiß man in Hollywood nicht mehr, wie man große Epen erzählt. Ein Produzent aus Amerika hat mir nach der Premiere gesagt: Ich mag den Film, weil er mich an die Gründe erinnert, weshalb ich überhaupt Filme machen wollte. Der Umstand, dass der Film heute als Klassiker gilt, macht mich sehr froh. Aber es macht mich natürlich auch ein bisschen älter (lacht).
 
Spüren Sie immer noch die Leidenschaft fürs Filmemachen?
Ja, ich fühle mich noch sehr jung, was meine Gedanken betrifft. Ich bereite ein neues Projekt vor, oder besser gesagt, ich forme gerade einige Ideen dafür zurecht. Seit ich nicht mehr gehen kann und auf den Rollstuhl angewiesen bin, sind neue Projekte allerdings schwieriger geworden. Anfangs konnte ich mit dieser Situation gar nicht umgehen, und dachte: Jetzt ist es vorbei. Jetzt wirst du nie mehr einen Film machen können. Man kann im Rollstuhl ja nicht wirklich durch die Kamera schauen. Erst, als ich meine Situation akzeptiert hatte, war ich in der Lage, "Io et te" zu machen, der im Vorjahr erschienen ist.
 
Können Sie einen Film aus Ihrem Schaffen nennen, den Sie selbst besonders gerne sehen?
Ich schaue mir meine Filme niemals an. Wenn Sie mich über meine Filme fragen, kann ich nur aus der eigenen Erinnerung antworten. Manchmal kommt es vor, dass ich Filme verwechsle. Aber ich schaue sie nicht an. Ich würde nur die Fehler finden und außerdem finde ich es gut, wenn man eine gewisse Distanz zum eigenen Werk hat.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an "Der letzte Tango in Paris"?
Der Film war 1972 ein Riesenskandal! Ich habe das nie verstanden. Ich wurde in Italien zu zwei Monaten Haft verurteilt. Das war für mich fast wie eine Auszeichnung! Aber die Zeiten damals waren anders. Ich selbst war manchmal meiner Zeit voraus, aber noch viel öfter hinkte ich der Zeit hinterher. Überhaupt heute, wo alles so schnelllebig geworden ist.

Im August werden Sie Jury-Präsident beim 70. Filmfestival von Venedig sein. Was reizt Sie daran?
Ich hoffe, dort viele neue Talente zu entdecken, die mir zeigen, was sie können. Es ist sehr schwierig, die heutige Zeit adäquat einzufangen und auf die Leinwand zu bringen. Deshalb freue ich mich so sehr auf diese Aufgabe und all die Filme. Und ich glaube nach wie vor an die Jugend. Nur sie kann unsere Welt verändern, davon bin ich überzeugt.
 
Interview: Matthias Greuling, Cannes
 
Dieser Beitrag ist auch auf wienerzeitung.at erschienen