Donnerstag, 25. April 2013

Crossing Europe Linz 2013 : Wachsen in der Nische


Was die Viennale als Best-of des Weltkinos ist, was die Diagonale in Graz für das heimische Filmschaffen leistet, das ist Crossing Europe in Linz für das junge europäische Kino. Das dritte große heimische Filmfestival eröffnet heute, Dienstag, seine Pforten zur Jubiläumsausgabe, die bis 28. April dauert: Seit zehn Jahren programmiert nunmehr Christine Dollhofer diese feine Zusammenstellung europäischen Kunstkinos aus allen Winkeln des Kontinents. Es sind Filme, die man im regulären Kinobetrieb niemals oder nur selten zu sehen bekommt.
In dieser Nische hat sich Crossing Europe über die Jahre eine treue Fangemeinde aufgebaut und genießt einen hervorragenden Ruf - auch in der internationalen Festivalszene.
"Made in Poland" von Tribute-Gast Przemyslaw Wojcieszek. Foto: Crossing Europe
Dollhofer, die vor Crossing Europe die Diagonale in Graz leitete, muss im Jubeljahr aber auch mit Einschnitten kämpfen: Zwar stehen das Land Oberösterreich und die Stadt Linz hinter der ambitionierten Kulturinstitution, aber der Wegfall eines Hauptsponsors und einiger Sachsponsoren zwangen Dollhofer, den Gürtel enger zu schnallen. Sie sieht es freilich positiv: „In Zeiten knapp werdender Mittel im Kulturbereich bin ich sehr stolz, dass wir es geschafft haben, zehn Jahre lang sehr erfolgreich und mit stetig wachsenden Besucherzahlen ein autonomes, internationales Festival zu veranstalten“, so Dollhofer. An einen Ausbau der Aktivitäten ist allerdings nicht zu denken, man müsse froh sein, das Niveau zu halten: „Es gibt von allen Hauptfördergebern ein klares Bekenntnis zu ‚Crossing Europe’“, sagt Dollhofer. „Mir ist wichtig, das Festival langfristig zu stabilisieren und seinen besonderen Charakter zu bewahren.“
Daher steckt das Team seine Energie vor allem in inhaltliche Arbeit: Neben zahlreichen Filmen, die das Festival bei den großen Filmschauen in Cannes, Locarno, Venedig und Berlin einsammelt, gab es heuer mehr als 750 Filmeinreichungen. Dollhofer hat aus dem Angebot insgesamt 162 Filme aus 40 Ländern ausgewählt. Die handverlesenen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme sollen das zeitgenössische und gesellschaftspolitische Autorenkino aus Europa repräsentieren. „Aus etwa 1000 gesehenen Filmen versuche ich eine selektierte Mischung zu formen. Wir bemühen uns stets um Österreich-Premieren. Einen Strich durch die Wunschfilmliste macht uns aber manchmal die Verfügbarkeit der Filmrechte“, sagt Dollhofer.
Im Wettbewerb des Festivals treten neun neue Spielfilme aus Europa gegeneinander an, die meisten Regisseure sind hier bestenfalls Branchenkennern bekannt. Das ist eine der Funktionen dieser Filmschau: Dem Publikum bislang unbekannte Gesichter und Stimmen zu präsentieren. Dennoch kommt man um einige „Festivalhits“ nicht herum: So stehen unter anderem mit „Everyday“ von Michael Winterbottom, „Layla Fourie“ von Pia Marais, „Winterdieb“ von Ursula Meier, „Reality“ von Matteo Garrone oder „In the Fog“ von Sergei Loznitsa etliche Filme auf dem Programm, die bereits  in Cannes, Venedig oder Berlin für Aufsehen sorgten. Dennoch gehört Crossing Europe über wiegend dem Nischenkino: Dieses Jahr wird etwa dem polnischen Regisseur Przemyslaw Wojcieszek ein Tribute gewidmet. Das Programm „Randlagen“ zeigt Filme über Orte, die aufgrund der Globalisierung ausgedünnt und verlassen scheinen. In „Arbeitswelten“ zirkeln neue Arbeiten um die existenziellen Probleme einer von Krise und Arbeitslosigkeit gepeinigten europäischen Gesellschaft. Und das Programm „Local Artists“ ist vor allem für die Region von großem Wert: Hier werden die Arbeiten junger Filmschaffender aus Oberösterreich vorgestellt.
- Matthias Greuling

Mehr Infos zum Festival: www.crossingeurope.at

Dieser Beitrag ist zuerst in der Wiener Zeitung erschienen.

Freitag, 15. März 2013

Diagonale 2013: Kein Megatrend im österreichischen Film

Schon beim Frühstück wird hier über Film diskutiert: Die Filmschau Diagonale, bei der heute, Samstag, Preisgelder von mehr als 100.000 Euro vergeben werden, lockt nicht nur Grazer Publikum oder die heimische Filmbranche an, sondern auch internationale Gäste. Einige von ihnen sind Programmierer anderer Festivals und halten Ausschau nach geeigneten Produktionen, die sie einladen könnten. Das ist Teil des Festivalbetriebs, und mitunter der Startschuss für lange Festivalkarrieren. Es ist die Wurzel dessen, was man gemeinhin als das „österreichische Filmwunder“ bezeichnet: Ohne Networking bliebe auch der beste Film vermutlich weitgehend ungesehen.
 
"Das Haus meines Vaters" von Ludwig Wüst. Foto: Diagonale
Filme wie „Talea“ von Katharina Mückstein oder „Soldate Jeanette“ von Daniel Hoesl stehen nicht nur dank geschickter Festivalplatzierungen (Hoesl gewann in Rotterdam) hoch im Kurs (die „Wiener Zeitung“ berichtete) – sie gehören auch zu den Favoriten bei der Preisverleihung. Und sie sind ein Indiz dafür, wie uneinheitlich sich das Diagonale-Programm dieses Jahr zeigt – im positiven Sinne. Einen Megatrend gibt es im jüngeren österreichischen Filmschaffen nämlich nicht: Trotz des viel beschworenenen „Wunders“ sind die meisten Filmemacher hier Individualisten geblieben, die weniger „österreichische“ denn viel mehr „eigenwillige“ Filme machen.

Die Eigenwilligen


Ludwig Wüst ist so ein Eigenwilliger. Seine Filme „Koma“ oder „Tape End“ sind Ausdruck eines radikalen Kinos, das gerne mit seiner spröden Darreichungsform spielt. Für Wüst, ein gebürtiger Bayer, der jahrelang vor allem am Theater inszenierte, sind auch seine Filme Bühnen; es gibt kaum Schnitte, sondern lange, bis zur Penetranz ausgereizte Takes. Dabei sind seine Stücke nie theatralisch oder bühnenhaft, sondern in Schauspielerführung und Dialogen zutiefst filmisch. Eine Verschränkung, die sonst selten gelingt. Bei Wüsts neuer Arbeit „Das Haus meines Vaters“ aber funktioniert sie perfekt. Ein Mann (Nenad Smigoc) kehrt in das Dorf seiner Jugend zurück, trifft dort auf eine einstige, ihm sehr zugeneigte Schulkollegin (Martina Spitzer), die ihn durch das verlassene Haus seiner Eltern führt. Er entdeckt im heruntergekommenen Chaos allerhand, was ihn an seine Kindheit denken lässt; Erinnerungen offenbar, die ihm gar nicht gefallen. Wüst thematisiert das Hinter-Sich-Lassen von Vergangenheit, das Zudecken unangenehmer Wahrheiten, das Negieren von eigenen Befindlichkeiten; „Das Haus meines Vaters“ ist famos gespieltes Minimalismuskino, das gerade durch seine reduzierte Handlung eine starke Sogwirkung entfaltet.
"Der Blick in den Abgrund", Barbara Eder (Foto: Diagonale)
Bei den Dokumentarfilmen hat die Diagonale etliche Arbeiten im Programm, die sich mit der Normalität in Extremsituationen befassen. Barbara Eder etwa unternimmt in „Der Blick in den Abgrund“ den Versuch, die Arbeit von Profilern auf ihre Alltagsrealität hin zu untersuchen. Die kriminalistische Suche nach dem Bösen setzt diese Menschen unter Druck, auch, weil ihre Tätigkeit längst zum TV-Klischee verkommen ist: Kein Genre funktioniert im Fernsehen besser als der Krimi.
Die Normalität des Gerichtsvollziehers zeigt „Schulden GmbH.“ von Eva Eckert. Sie ist bei Pfändungen, Zwangsversteigerungen und Schuldnerberatungen dabei, und blickt auf Fälle, die die Strenge des Gesetzes zu spüren kriegen; wer einmal in die Schuldenfalle gerät, findet nur schwer wieder heraus. Menschlichkeit, das zeigt dieser Film, hat gegen das Gesetz keine Chance.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist zuerst in der "Wiener Zeitung" erschienen.

Diagonale 2013: Innovatives Kino über den (Un-)Wert des Kontinuierlichen

Auf Herrn Manfred ist Verlass. Der (mittlerweile pensionierte) Barkeeper eines Grazer Innenstadthotels kehrt einmal im Jahr in seinen früheren Beruf zurück, um die Gäste der Diagonale mit dem von ihm kreierten „Kalaschnikov“ zu versorgen. Ein kleiner Shot aus Wodka, Kahlua und Zitrone, der es beim Filmfestival längst zum Kultgetränk gebracht hat. Jeder hier hat einen der Festivalabende schon einmal mit ein paar Kalaschnikovs beendet. Es ist wie ein Ritual.
 
"Talea" von Katharina Mückstein. Foto: Diagonale
Wenn Rituale und Kontinuitäten fehlen, dann gerät der Mensch aus dem Gleichgewicht. Das zeigt sich in Graz nicht nur im diesmal verregneten Wetter (sonst sitzt man hier um diese Zeit in der Sonne), sondern auch im Programm. Eine Reihe von Erstlingsfilmen, aber auch die Arbeiten arrivierter Filmemacher befassen sich mit diesem Thema, darunter auch die Debütantin Katharina Mückstein, die an der Wiener Filmakademie bei Haneke Regie studiert hat.  In „Talea“ erzählt sie die einfache und doch menschlich komplizierte Geschichte der 14-jährigen Jasmin (talentiert: Sophie Stockinger) und ihrer gerade aus der Haft entlassenen Mutter Eva (Nina Proll). Die Annäherung zwischen den beiden ist geprägt von der Absenz jeglicher Kontinuität, die ein Kind in Jasmins Alter so dringend nötig hätte. Bei einer Reise aufs Land versuchen sie, sich zu finden: Ihre Nähe zueinander entwickelt sich aber nur recht zaghaft. Mückstein setzt ihre unspektakuläre filmische Identitätssuche in beinahe schon bedrückend schöne, dichte Bilder um, in denen ihre beiden Darstellerinnen wie in einer Blase kurz die Welt um sich herum vergessen und jede Angst vor einer Zukunft ohne Kontinuität absorbieren.
All das, was zu den landläufig als lebensnotwendig erachteten Kontinuitäten gehört, führt ein anderer Erstlingsregisseur in seinem Debüt „Soldate Jeanette“ ad absurdum: Daniel Hoesl zeigt die einst vermögende Fanni (Johanna Orsini-Rosenberg) beim Abstreifen jeglichen Reichtums; sie wird zwangsdelogiert, weil sie mit der Miete im Rückstand ist. Sie wird mehr und mehr die Sicherheit, die ihr das Vermögen gab, durch eine andere Art von Lebenskontinuität ersetzen: Zum Glück braucht es keine materiellen Güter – eine alte Weisheit, die Hoesl aber in eine innovative Erzählstruktur taucht, die sich angenehm radikal von dem von Stuck und Konservativismus geprägten, muffigen Wien abhebt. „Soldate Jeanette“, begonnen ohne Drehbuch, für nur 65.000 Euro realisiert und mittlerweile Preisträger beim Filmfestival Rotterdam, ist ein stilistischer Durchbruch zu neuen Ufern. Hoesls Frauenfiguren haben eine Intensität wie jene bei Fassbinder, und sie spucken dem Materialismus mit ganzer Kraft ins Gesicht. Wider die Kontinuität im Sinne der Wiederholung immer gleicher Fehler, das bedeutet: Sich wirklich treu zu bleiben.
Treu bleibt sich auch Caspar Pfaundler. Er zeigt in „Gehen am Strand“ die Befindlichkeit der Studentin Anja (einnehmend: Elisabeth Umlauft), die mit der Finalisierung ihrer Diplomarbeit hadert und sich zunehmend sozial isoliert. Die Isolation erhält lebensbedrohlichen Charakter, eine Reise ans Meer bietet Anja die Chance auf eine Rückkehr ins „normale“ Leben. Pfaundler ist gewohnt sensibel im Vortrag seiner simplen Geschichte. Wie er auch schon in seinem letzten Film „Schottentor“ mit größtmöglicher Präzision versucht hat, existenzielle Nöte einzufangen, gelingt ihm das auch hier vortrefflich.
Zwei Dokus sprechen auf der Diagonale vom Kontinuum des eigenen Willens:  „Schlagerstar“ von Marco Antoniazzi und Gregor Stadlober folgt dem Volksmusiker Marc Pircher durch Bierzelte, Autogrammstunden, Lederhosenromantik. Keine Musiksparte macht mit Konzerten und CD-Verkäufen mehr Geld als die Volksmusik, aber der Traum, den Pircher lebt, ist hart erkämpft: Lächeln und gute Laune sind obligatorisch, und zwar 24 Stunden täglich, kontinuierlich. Die Doku macht sich über ihren Protagonisten niemals lustig, auch wenn vieles hier belächelt werden könnte.
"Robert Tarantino" von Houchang Allahyari. Foto: Diagonale
Ähnlich ist das in Houchang Allahyaris „Robert Tarantino“, einer Doku über einen leidenschaftlichen Wiener Trash-Filmer, die ebenfalls den Respekt wahrt und sich nicht über die Splatter-Horror-Filme lustig macht, die „maximal 40 Euro kosten, für das bisserl Kunstblut“. Sein Künstlername ist seinen Vorbildern Robert Rodriguez und Quentin Tarantino geschuldet, in deren Liga er so gerne spielen würde. Allahyari hat den Traum von Hollywood aber schnell heruntergebrochen auf die ursprünglichste Sehnsucht nach Kontinuität: Robert Tarantino verliebt sich in die Hauptdarstellerin seines neuesten Films. Eine unerhörte Liebe, ein großer Schmerz.
Ein Kalaschnikov von Herrn Manfred könnte über einen solchen Schmerz hinweghelfen. Aber nicht kontinuierlich, sondern nur vorübergehend.
Matthias Greuling
Dieser Beitrag ist zuerst in der "Wiener Zeitung" erschienen.

Sonntag, 17. Februar 2013

Berlinale: Die Gewinner

"Child's Pose" (Foto: Berlinale)
Die Bären 2013 sind vergeben: Der Goldene Bär 2013 geht nach Rumänien an Regisseur Calin Peter Netzer. Der schildert in „Child’s Pose“, wie weit die übertriebene Zuneigung einer Mutter aus der rumänischen Oberschicht zu ihrem Sohn gehen kann: Als er nachts ein Kind anfährt, das kurz darauf verstirbt, muss Barbu ins Gefängnis. Seine Mutter Cornelia will die Angelegenheit mit Geld regeln, ein paar Zeugen bestechen und sogar die Eltern des getöteten Jungen kaufen. Netzers sensibel, aber entschlossen gefilmtes Porträt von Rumäniens Reichen kommt einer Analyse des ganzen Landes gleich: Hier offenbart sich auf wundersame Weise, wie das Funktionieren eines Staates aufrecht erhalten wird, mit Bestechung, Korruption und der Macht des Geldes. Ein würdiger Preisträger.

Danis Tanovic wurde für seinen Film „An Episode in the Life of an Iron Picker“ mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Der bosnische Regisseur, der mit seinem Debüt „No Man’s Land“ bekannt wurde, erzählt darin in eindrücklicher Dramatik vom Schicksal einer Roma-Familie in Bosnien-Herzegowina, in der die schwangere Ehefrau mit der Diagnose konfrontiert wird, dass das Baby in ihrem Bauch gestorben ist. Allein: Die Familie hat keine Krankenversicherung und der Arzt aus der Klinik weigert sich, sie zu behandeln. Die drohende Katastrophe verdichtet Tanovic in seinem nur 75-minütigen Drama zur Leidensgeschichte einer ganzen, bis heute benachteiligten Bevölkerungsschicht. Hauptdarsteller Nazif Mujic bekam außerdem den Silbernen Bären für den besten Darsteller.

Für Paulina Garcia, die Hauptdarstellerin aus dem Berlinale-Publikumsliebling „Gloria“, gab es den Preis für die beste Schauspielerin. Sie spielt die 58-jährige, geschiedene Titelheldin in dem Drama des Spaniers Sebastien Lelio, der darin von den Wünschen und Sehnsüchten einer Frau berichtet, die dem Alter trotzt und sich gegen Einsamkeit und Depression mit Single-Partys zur Wehr setzt. Diese Auszeichnung ist hochverdient, keine andere Schauspielerin spielte so sympathisch und einnehmend wie Garcia.

Jafar Panahi sitzt im Iran fest, unter Hausarrest, und hat eigentlich Berufsverbot. Dabei ist mit „Pardé“ nun schon sein zweiter Film seit dem Verbot erschienen, und diesmal ehrt die Jury unter dem Vorsitz von Wong Kar-wai Panahis Bestreben, seiner Berufung weiterhin nachgehen zu können, mit dem Preis für das beste Drehbuch.

Bester Regisseur wurde der US-Amerikaner David Gordon Green mit seinem rasch und innovativ-lässig gedrehten „Prince Avalanche“, in dem Paul Rudd und Emile Hirsch die Straßenmarkierungen einer Waldstraße erneuern sollen, dabei immer wieder aneinander geraten und sich wieder vertragen. Ein etwas anderes Buddy-Movie, und zudem das Remake des isländischen Films „Either Way“.

Die Preisträger im Überblick:

Goldener Bär für den besten Film: CHILD’S POSE von Calin Peter Netzer

Großer Preis der Jury (Silberner Bär): AN EPISODE IN THE LIFE OF AN IRON PICKER von Danis Tanovic

Alfred-Bauer-Preis (Silberner Bär): VIC + FLO SAW A BEAR von Denis Côté

Preis für die Beste Regie (Silberner Bär): David Gordon Green für PRINCE AVALANCHE

Preis für die Beste Darstellerin (Silberner Bär): Paulina Garcia in GLORIA von Sebastien Lelio

Preis für den Besten Darsteller (Silberner Bär): Nazif Mujic für AN EPISODE IN THE LIFE OF AN IRON PICKER von Danis Tanovic

Preis für das Beste Drehbuch (Silberner Bär): PARDÉ von Jafar Panahi

Preis für eine Herausragende Künstlerische Einzelleistung: Aziz Zhambakiyev, Kameramann des Films HARMONY LESSONS (Kasachstan)

Weitere Preise unter www.berlinale.de

Matthias Greuling, Berlin

Freitag, 15. Februar 2013

Ulrich Seidl im Video-Interview zu PARADIES: HOFFNUNG / Berlinale 2013

Im Rahmen der Berlinale sprach ich mit Regisseur Ulrich Seidl über seinen Wettbewerbsbeitrag "Paradies: Hoffnung". Hier zum Nachsehen:

Donnerstag, 14. Februar 2013

Berlinale 2013: Vom Ende der Kompromisslosen

Viel ist dieser Tage in Berlin von der Provokation zu hören. Vom Ungestümen, das dem Weltkino zur Zeit abgeht, weil es auf so viele (nicht allzu neue) Umstände Rücksicht nehmen muss. Auf Budget, auf Moral, auf Zensur oder auf politische Situationen. Immer schwerer ist es, Kunstfilme zu finanzieren, hört man allerorts. Und wer einen Koproduzenten gefunden hat, bekommt von ihm zumeist nicht nur Geld, sondern auch an eigene Wünsche orientierte Änderungsvorschläge. Beim Berliner „Coproduction Market“, der zum zehnten Mal stattfindet, pitchen Filmemacher ihre Projekte vor potenziellen Produzenten und Finanziers. Es ist ein gutes und notwendiges Forum, denn es braucht wieder Innovation ohne Restriktion.
Die Berlinale bemüht sich, diesem Anspruch gerecht zu werden, allerdings nicht ganz mit Erfolg. Auch die kompromissloseste Arbeit muss keine gelungene sein, wie man das im diesjährigen Wettbewerb feststellt. Wong Kar-wais Eröffnungsfilm „The Grandmaster“ (außer Konkurrenz) ist ein 120-minütiger Kampfsportunterricht quer durch die Vielfalt asiatischer Körperverrenkungen – mehr aber auch nicht. Zwar fotografiert Wong Kar-wai (er ist heuer auch Jurypräsident) die Kampfhandlungen in wunderbaren Bildern, aber hinter der immerzu brillanten visuellen Umsetzung macht sich in warmfarbenen Schauwerten schnell Leere und – für unsere Breiten – Unkenntnis der historischen Zusammenhänge breit.  Wong Kar-wai gilt als Kompromissloser, aber das ist nicht gleichbedeutend mit Qualität.
James Franco als Hugh Hefner in "Lovelace" (Foto: Berlinale)
Auch Ulrich Seidl gehört zu den Kompromisslosen. Man hat dem beliebten Provokateur nur allzu gerne die Bühne für den Abschluss seiner „Paradies“-Trilogie geboten, doch sein Film „Hoffnung“ über eine 13-jähriges Mädchen, das sich im Diät-Camp für dicke Teenager in ihren 50-jährigen Arzt verliebt, ist in Berlin überwiegend als der schwächste der drei Teile der Trilogie bezeichnet worden.
„Paradies: Hoffnung“ ist der kürzeste Film der Trilogie, aber auch in den 90 Minuten seiner Laufzeit gibt es immer wieder repetitive Elemente, die – wie schon bei den Vorgängerfilmen – vor allem von der ursprünglichen Struktur des Projekts herrühren: Seidl wollte aus allen drei Geschichten einen Episodenfilm machen, doch die Fülle seines Materials verleitete ihn dazu, es mit drei Filmen in Spielfilmlänge zu versuchen. Mit dem Nachteil einer schwerfälligen Struktur, die am besten in „Glaube“ funktioniert, sonst aber etliche dramaturgische Leerstellen aufweist. Umgekehrt könnte man sagen: Das Spiel mit der Erwartungshaltung nach einem „Skandalfilm“ hat gefruchtet, zumindest, was die Aufmerksamkeit für den österreichischen Film betrifft, den Berlinale-Chef Dieter Kosslick als „mutig und durchaus in der Lage, mehr Selbstvertrauen zu haben“, bezeichnet.
Seidl hat mit „Paradies: Hoffnung“ nicht enttäuscht, aber eben auch nicht überrascht. Als Künstler muss er das nicht, solange er seinen eigenen unkorrumpierbaren Weg geht, aber ein Festival wie die Berlinale braucht Überraschungen.
Die bekommt es leider auch nicht aus Deutschland. Der deutsche Film bei der Berlinale hat einen beinahe noch schlechteren Stand als der heimische in Österreich. Das deutsche Feuilleton ist bekannt für seine lautstark (und zurecht) geäußerte Skepsis gegenüber deutschen Wettbewerbsbeiträgen. Thomas Arslans „Gold“ mit Nina Hoss in der Hauptrolle ist wieder so ein Problemfall des neuen deutschen Innovationsdrangs. Es geht um eine Gruppe von Deutschen, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswandern und dort am Klondike nach Gold suchen wollen, zu einer Zeit, als die Nuggets noch hühnereigroß waren und den mittlerweile zerstörten Mythos vom kapitalistischen Amerika festigten. Es wird viel geritten in diesem Film und dabei auf der Tonspur nervtötendes Gitarrenwummern abgelegt. Arslan beschreibt die Reise der Goldgeilen, nicht etwa die Goldsuche an sich. Der Weg zum Klondike ist beschwerlich, und in der Gruppe gibt es Spannungen – doch all das inszeniert Arslan mit plakativen, sehr konstruiert aneinandergereihten Szenen, der man in Spiel, Dekor und Duktus die Künstlichkeit ansieht. Der Weg ist das Ziel? Nein, eher der Schlaf.
Auch international ist es mit der Innovationsfreude, der Provokation, der Frische nicht weit her: Gus van Sant verfilmte mit „Promised Land“ einen Öko-Thriller von und mit Matt Damon, der durchwegs einnehmend, aber auch sehr vorhersehbar wirkt. Frederik Bond scheitert an seinem konfusen All-Star-Sammelsurium „The Necessary Death of Charlie Countryman“ – da nützt auch die Mitwirkung von Shia LaBeouf, Til Schweiger oder Mads Mikkelsen nichts.
Nur abseits des Wettbewerbs tut sich so manche Experimentierfreude auf: Sex in allen Spielformen ist hier das große Thema – als gäbe es keine anderen Erregungen als nackte Haut und entsprechend schlüpfrige Dialoge. Schauspieler Joseph Gordon-Levitt hat mit seinem Regiedebüt „Don Jon’s Addiction“ sich selbst in der Rolle eines Porno-Süchtigen vortrefflich besetzt; der Film macht keinen Bogen um fleischliche Provokation, und auch, wenn Vieles hier noch nach Anfängerfehlern aussieht, so ist „Don Jon’s Addiction“ zumindest in Ansätzen, was man erregt und sexy nennen darf. Rein künstlerisch natürlich.
Eine sexuelle Provokation führt auch Sara Forestier in Jacques Doillons „Love Battles“ vor, in dem sie mit viel Körpereinsatz und der perversen Lust am Schlagen und Geschlagen werden zum Höhepunkt kommt. In „Lovelace“ von Rob Epstein und Jeffrey Friedman wiederum ist Amanda Seyfried als die bekannte 70er-Jahre-Pornoqueen Linda Lovelace im „Einsatz“ und wird von James Franco in der Rolle des jungen Hugh Hefner hofiert. Franco wiederum hat als Regisseur mit „Interior: Leather Bar“ die dereinst aus dem 80er-Jahre-Thriller „Cruising“ entfernten Schwulenszenen nachgestellt, die ihrer expliziten Machart zum Opfer fielen.
Sex kann also noch immer ein bisschen provozieren. Die erhofften, riskanten Impulse für das Weltkino bringen aber auch diese Filme nicht. Wer will schon riskieren? Investoren sicher nicht. Denn die haben noch immer ganz weiche Knie von der Krise. Schon beim Sparbuch lernen wir: Wer auf Nummer Sicher geht, behält sein Geld. Aber reich wird er nicht. Das gilt auch für die Filmkunst.
Matthias Greuling, Berlin
(Dieser Text erschien in einer modifizierten Fassung auch in der "Wiener Zeitung")

Samstag, 9. Februar 2013

PARADIES HOFFNUNG: Ulrich Seidl im Fat-Camp

Der Hattrick ist geschafft: Ulrich Seidl brachte bei der Berlinale am Freitag Abend den dritten Teil seiner „Paradies“-Trilogie zur Uraufführung, und hat damit das seltene Kunststück geschafft, in drei aufeinanderfolgenden A-Filmfestivals im Wettbewerb zu stehen – bislang gelang das nur dem Polen Krzysztof Kieślowski mit seiner „Drei-Farben“-Trilogie.

PARADIES: HOFFNUNG (Foto: Berlinale/Stadtkino)
Nach Cannes („Paradies: Liebe“) und Venedig („Paradies: Glaube“) nun also „Hoffnung“ in Berlin. Und irgendwie passen die jeweiligen Episodentitel auch auf die Orte, an denen sie uraufgeführt wurden. Seidl spricht allerdings nicht von Absicht, sondern Zufall, da er am liebsten alle drei Filme an nur einem Ort gezeigt hätte. Der nun entstandene „Nebeneffekt“: Der Regisseur ist dank der Festival-Tour seit bald einem dreiviertel Jahr europaweit in aller Munde.
„Paradies: Hoffnung“ führt also nun zusammen, was man zu einem vielschichten Leidensweg moderner Frauenschicksale subsumieren könnte:  Nach der missionierenden Christin in „Glaube“ und der Sextouristin in „Liebe“ ist es nun die 13-jährige Tochter der Touristin, die im Mittelpunkt steht: Sie zwangsurlaubt im Diätcamp für übergewichtige Teenager und verliebt sich dort in den viel älteren Camp-Arzt (Josef Lorenz), der ihre unschuldig vorgetragenen Avancen sogar erwidert.
„Paradies: Hoffnung“ ist der kürzeste Film der Trilogie, aber auch in den 90 Minuten seiner Laufzeit gibt es immer wieder repetitive Elemente, die – wie schon bei den Vorgängerfilmen – vor allem von der ursprünglichen Struktur des Projekts herrühren: Seidl wollte aus allen drei Geschichten einen Episodenfilm machen, doch die Fülle seines Materials verleitete ihn dazu, es mit drei Filmen in Spielfilmlänge zu versuchen. Mit dem Nachteil einer schwerfälligen Struktur, die am besten in „Glaube“ funktioniert, sonst aber durchaus dramaturgische Leerstellen aufweist.
Die hier gezeigte Nabelschau schwer übergewichtiger Teenager ist dabei durchaus mit allerlei amüsanten und in ihrer Direktheit und Ungestelltheit entlarvenden Penetranz ausgeführt; Seidl hat – auch dank seiner sehr feinsinnig zusammengestellten Besetzung (allen voran die Laiendarstellerin Melanie Lenz) – wenig Mühe, in den Kosmos einer von Vernachlässigung, Bewegungsmangel und Fadesse gepeinigten Jugend vorzudringen. Sein Film, von der Presse in Berlin mit freundlichem Applaus bedacht, eröffnet den Blick auf eine scheinbar gleichgültige Generation, die kaum Ziele im Leben kennt, die weiter als bis über die nächste Mahlzeit hinausreichen.
Eingebettet in den militärischen Drill des Diät-Camps (mit einem Sportlehrer, wie er im Buche steht, famos interpretiert von Michael Thomas) gelingt Seidl ein fast schon versöhnlicher Abschluss seiner Trilogie: Die Verstörung findet man anderswo, selbst, wenn es hier eine verbotene Lolita-Liebe ohne Aussicht auf Erfüllung gibt. Dieser sonst so kompromisslose Regisseur lässt dem Titel gemäß doch einen Funken Hoffnung zu, ohne seine stilistische Eigentümlichkeit und Präzision aufzuweichen.
- Matthias Greuling, Berlin